Heidi Neururer, ehemalige Weltmeisterin im Snowboarden, hilft Spitzensportlerinnen und -sportlern wie Führungskräften und Unternehmen u. a. bei "der Kunst des Siegens". Da gehört der Umgang mit Ausnahmesituationen unweigerlich dazu. Über das auch wegen der Ausgangslage so bittere EM-Out von Österreichs Fußballteam im Achtelfinale hat sie sich viele Gedanken gemacht. Die Tränen danach seien "ein Kommunikationsmittel", sagt sie, und "ein Akt der Selbstfürsorge".

Die Fußballer hätten es nach dem 1:2 gegen die Türkei "zugelassen, in tausend Stücke zerrissen zu sein". Und jetzt? "Jetzt sammeln sie sich wieder ein, jedes einzelne Stück. So entsteht ein Kapitel, das sie ihrem Lebensbuch hinzufügen." Neururer weiß aus Erfahrung, dass das Scheitern für die Österreicher ein "großes Geschenk" ist und ihnen "hilft, wirklich nach oben zu kommen".

Heidi Neururer: "Generell finde ich es gut, dass auch Männer weinen. Wann sieht man das sonst schon?"
Neururer

STANDARD: Sie haben sich in Ihrer Masterarbeit eingehend damit beschäftigt, wie Olympiasiegerinnen und Weltmeister Emotionen steuern – dazu gehört auch der Umgang mit bitteren Niederlagen. In dem Fall reden wir über Österreichs Fußballer. Um welche inneren Prozesse geht es da?

Neururer: Wir müssen zuerst über die Ausgangslage reden. Die war schon sehr speziell. Das war ja nicht irgendein Bundesligaspiel. Für einige der Spieler war die Situation neu, und das emotionelle Commitment war sehr hoch. Zum einen ist gefühlt das ganze Land hinter dem Team gestanden, das erhöht schon den Druck. Und zum anderen wussten die Spieler: Wir sind wirklich gut. Die haben mitgekriegt, dass etwas anders ist als sonst. Die haben auf allen Ebenen wahrgenommen, dass etwas Großes passieren kann.

STANDARD: Waren die vor dem Spiel so hohen Erwartungen auch der große Unterschied zur EM 2021, wo Österreich ja ebenfalls im Achtelfinale knapp gescheitert ist? Damals war der Gegner Italien, und Österreich war ein ganz anderes Team.

Neururer: Die ganz andere Ausgangslage ist zumindest ein Teil der Erklärung dafür, dass der Ausgang, das Scheitern, so schmerzhaft war. Nach dem Sieg über die Niederlande und dem Gruppensieg hatten die Fußballer eine Woche Pause. Das ist viel Zeit, Zeit zum Verarbeiten, aber auch Zeit zum Nachdenken. Da sind die Erwartungen noch einmal gestiegen, da wächst der Druck, den sich jeder Einzelne macht, da gibt es auch einen Druck im Teamgefüge, und es gibt Druck von außen.

STANDARD: Ist das Team auch an diesem Druck gescheitert?

Neururer: Das kann ich nicht sagen, und das würde ich auch nicht behaupten. Aber im Idealfall passen die Anforderungen und mein Können gut zusammen, und dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Flow entsteht. Wenn jemand im Spitzensport in so einem Flow ist, sieht alles ganz leicht aus. So war es bei den Österreichern oft in der Gruppenphase. Da hat alles ganz leicht ausgesehen.

STANDARD: War im Achtelfinale nicht einfach nur der Spielverlauf extrem unglücklich, mit dem ersten Gegentor gleich zu Beginn?

Neururer: Das kommt noch dazu. In so einem Moment steigt das Stresslevel automatisch. Das ist gar keine mentale Geschichte, sondern eine körperlich-neuronale Geschichte. Dieses Phänomen ist im Spitzensport sehr oft zu beobachten, denn durch das höhere Stresslevel wird man grobkoordinierter, nichts geht mehr so leicht von der Hand wie sonst. Geregnet hat es ja auch noch, das darf man nicht unterschätzen. Man müsste noch genauer spielen, aber das höhere Stresslevel führt dazu, dass ein oder zwei Prozent an Präzision fehlen. Wenn es nachher heißt, das Glück hat gefehlt, dann hat vielleicht auch das letzte Quäntchen Präzision gefehlt.

STANDARD: Es war aber auch kein schlechtes Spiel der Österreicher. Wenn der Kopfball von Baumgartner reingeht, gibt es Verlängerung, und sie gewinnen das wahrscheinlich.

Neururer: Sie haben super gespielt. Und sie haben zu keiner Sekunde aufgegeben. Das emotionale Commitment war riesig, jeder ist all-in gegangen. Und doch war spürbar, dass der Flow gefehlt hat. Die haben sich ein anderes Spiel erwartet.

STANDARD: Und dann plötzlich der Schlusspfiff. Was passiert da?

Neururer: Im ersten Moment ist es eine Überraschung. Weil mit diesem Ausgang, wie gesagt, keiner der Spieler gerechnet hat. Dann stellt sich Hilflosigkeit ein und eine völlige körperliche wie mentale Erschöpfung. Die Kontrolle ist plötzlich weg, da passiert sehr viel im Unterbewusstsein. Der Spieler verliert in diesem Moment den Überblick über "sein Leben", er fühlt nur mehr das Scheitern. Mit Niederlagen wachsen im Spitzensport alle auf, da bist du permanent mit Unsicherheit konfrontiert. Aber ein solches Scheitern bei der Ausgangslage und diesen Erwartungen, das ist für die meisten eine neue Dimension, das war ganz klar ersichtlich.

Sie waren auch im "Tal der Tränen": Michael Gregoritsch und Alexander Prass.
AP/Andreea Alexandru

STANDARD: Ist es diese hohe Belastung, die nach einem solchen Spiel dazu führt, dass Tränen fließen?

Neururer: Zunächst einmal finde ich es generell gut, dass auch Männer weinen. Wann sieht man das sonst schon? Viele Männer in anderen Bereichen lassen es nicht zu, Tränen fließen zu lassen. In einem solchen Sammelsurium an Gefühlen sind Tränen ein gutes Mittel, um Stress abzubauen. Tränen sind ein Ventil, und sie sind ein soziales Kommunikationsmittel. In einer so großen Ausnahmesituation brauche ich Bindung, eines unserer menschlichen Grundbedürfnisse. Das Zulassen von Tränen ist auch ein Akt der Selbstfürsorge. Die Tränen zeigen: Ich bin ein Mensch, keine Maschine. Dem Spieler, der weint, ist seine Außenwirkung nicht mehr wichtig, er nimmt sich selbst wichtig.

STANDARD: David Alaba ist der Österreicher, der wohl am öftesten in ähnlichen Situationen war.

Neururer: Das und die Tatsache, dass er selbst nicht mitgespielt hat, haben dazu geführt, dass er den Überblick behalten konnte, sozusagen das Geschehen aus dem Stadion rausgezoomt als Beobachter sehen konnte. So konnte er authentisch Trost spenden und den anderen versichern, dass das bitterliche Scheitern nur eine Zwischenstation ist.

STANDARD: Das ist im Sport ein geflügeltes Wort, dass Niederlagen stärker machen. Sind Niederlagen nicht einfach nur bitter?

Neururer: Wenn die Fußballer das nächste Mal so eine Bühne betreten, kennen ihre "Systeme" die Situation schon. Es fällt leichter, den Kontext für sich als Motivationsquelle zu nutzen und nicht in den "Überlebensmodus" zu schalten. Dann ist mehr Präzision möglich. Man sagt nicht von ungefähr, dass man etwas verdauen muss. Verdauen heißt, etwas wird aufgespalten, dann wird es vom Körper verarbeitet und aufgenommen. Das ist ein reicher Erfahrungsschatz, er steht den Spielern beim nächsten Mal zur Verfügung.

STANDARD: Aber das nächste Achtelfinale bleibt immer noch das nächste Achtelfinale.

Neururer: Die Frage ist, wie sich Spieler vom Kontext beeinflussen lassen. Und da hilft es enorm, schon einmal dort gewesen, schon einmal gescheitert zu sein. Dieses Scheitern kann der Verstand nicht erklären. Denn der Verstand sagt jedem Spieler: Wir sind eigentlich besser gewesen. Also funktioniert die Erklärung über eine emotionale Ebene, und dann kann sie auch lauten: Hey, vielleicht waren wir ganz leicht überfordert. Dann wird das Scheitern zum Geschenk, einem großen Geschenk, das einem hilft, wirklich nach oben zu kommen. Weil du diese Zwischenschritte brauchst. Wie es Alaba gesagt hat: Das Team wird dadurch stärker werden.

STANDARD: Die Gefahr, dass jemand an so einer Niederlage zerbricht, besteht nicht?

Neururer: Die Spieler sind in ein Tal der Tränen gestiegen, haben es zugelassen, in tausend Stücke zerrissen zu sein, sich komplett zu destabilisieren, bitterlich zu weinen. Jetzt sammeln sie sich wieder ein, jedes einzelne Stück, so entsteht ein Kapitel, das sie ihrem Lebensbuch hinzufügen. Der Teamchef weiß sowieso genau, was er tut. Die werden noch richtig coole Erfolge feiern. (Fritz Neumann, 8.7.2024)