Der gewählte iranische Präsident Masoud Pezeshkian ist keineswegs ein Neuling in der Politik: Aber auch den meisten Iranern und Iranerinnen war er, bis er im Wahlkampf in den Umfragen nach oben kletterte, eher unbekannt. Dass er das Amt des Gesundheitsministers bekleidete – von 2001 bis 2005 –, ist fast zwei Jahrzehnte her. Davor war er Vizeminister. Er war auch im akademischen Bereich tätig und schon während seiner medizinischen Ausbildung im Fronteinsatz im Irak-Iran-Krieg.

Die Nachricht über Masoud Pezeshkians Sieg verbreitete sich schnell.”
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Als Minister diente der mittlerweile 69-Jährige in der zweiten Amtsperiode von Präsident Mohammed Khatami (2001–2005), der mit seinen Reformplänen für die Islamische Republik krachend scheiterte. Den Jungen sagen beide eher nichts mehr. Während seiner Zeit als Minister war er einmal Ziel eines Impeachment-Versuchs vonseiten der Khatami-Gegner. Zuletzt saß Pezeshkian als einer der letzten Überbleibsel einer einst starken Reformbewegung im Parlament. Unter Präsident Hassan Rohani war er noch stellvertretender Parlamentspräsident.

Als völliger Außenseiter trat der Herzchirurg sogar schon einmal zu Präsidentschaftswahlen an, 2013, zog jedoch dann seine Kandidatur zurück. 2021 strich ihn der Wächterrat bei den streng gelenkten Wahlen zugunsten des – im Mai dieses Jahres verunglückten Ebrahim Raisi – von der Liste. Umso überraschender, dass er diesmal nicht nur antreten, sondern auch gewinnen durfte.

"Reformer" gewinnt Irans Präsidentenwahl
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Akzeptabel für Minderheiten

Pezeshkian stammt aus Westaserbaidschan, seine Mutter ist Kurdin. Zwei Bezirken in Westaserbaidschan, Diranshahr und Naghadeh, stand er schon einmal vor. Dass er Angehörige ethnischer Minderheiten an die Urnen locken und damit die Wahlbeteiligung heben könnte, wird zur Kalkulation des Regimes gehört haben. Und einige werden in ihm zumindest eine akzeptable Möglichkeit gesehen haben, den Hardliner Saeed Jalili zu verhindern.

Sein persönliches Schicksal und der Umstand, wie er es bewältigt hat, verschafften ihm Pluspunkte in der Öffentlichkeit: 1994 starb seine Frau, auch sie eine Ärztin, und eines seiner Kinder bei einem Autounfall; die drei verbleibenden, zwei Söhne und eine Tochter, zog er alleine, ohne sich wiederzuverheiraten, groß. Tochter Zahra, eine Chemikerin, trat für ihn auch im Wahlkampf auf – und machte einen guten Eindruck, anders als die Tochter des Kandidaten und Parlamentspräsidenten Bagher Ghalibaf, die durch eine Einkaufstour nach Istanbul Berühmtheit erlangt hatte.

Der Fußballfan Pezeshkian gilt als persönlich integer, seine Religiosität, die ihn zu einem Spezialisten für die Schriften von Imam Ali machte, gefällt aber natürlich auch den Mullahs. Das große Reformprojekt ist von ihm nicht zu erwarten, politisch ist er auf Linie, seine Loyalität zum obersten Führer Ali Khamenei ist bekannt. Aber atmosphärisch wird es einen Unterschied machen, dass er und nicht Jalili Präsident ist. (Gudrun Harrer, 6.7.2024)