Thomas Rado ist Verkäufer aus Leidenschaft. Die wichtigste Zutat eines Verkäufers hier im Grill Heaven, einem 2500 Quadratmeter großen Fachgeschäft am Rand der Shopping City Süd, ist natürlich der Schmäh. Ein pensioniertes Ehepaar, er mit weinrotem Pullunder, sie ganz in Weiß, bittet Rado um Hilfe. Sie suchten einen Gasgriller, etwas Einfaches, sagt die Dame. "Kein Problem", sagt Rado, führt sie zu einem Napoleon-Griller der sogenannten Rogue-Serie und sagt: "Mit dem können Sie alles machen außer Eiscreme."

Ein Griller der Marke Napoleon mit blau leuchtenden Bedienelementen im Fachgeschäft Grill Heaven in der Shopping City Süd
Der kanadische Hersteller Napoleon ist bekannt für seine sogenannte Sizzle Zone, eine ultraheiße Brutzelzone.
Heribert Corn

Der 31-jährige Rado rattert wie in jedem Verkaufsgespräch noch ein paar technische Eckdaten runter und erzählt ausführlich von der "Sizzle Zone", einer vom kanadischen Grillkonzern Napoleon patentierten Brutzelzone. Mithilfe von Infrarotstrahlung wird diese Zone besonders heiß. "Gibt’s da Flammen?", will das Paar wissen. – "Na, sicher", sagt Rado, "das Ding kriegt 800 Grad." Das Paar überlegt es sich noch, berichtet nach dem Gespräch aber, "der Herr war sehr motivierend".

Heißer als die Hölle

Das Grillen wird auch in Österreich mehr und mehr vom schnöden Feuermachen zur schönen Kunst erhoben. Belastbare Zahlen gibt es dazu zwar kaum, aber Geschäfte wie der Grill Heaven legen es nahe. Die neuen Produkte von Marken wie Napoleon, Broil King, Big Green Egg, Gozney und Flammkraft glänzen hier um die Wette. Die Inszenierung der Produkte erinnert an ein Autohaus. Verkäufer Thomas Rado spricht zum Beispiel auch von neuen "Generationen" von Grillgeräten und Produkten der "Mittelklasse" oder "Premiumklasse".

Mehr als 90 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher wollen im Laufe dieses Sommers mindestens einmal grillen, erfährt man aus einer Umfrage des Gewürzhändlers Kotányi. Schon vor zwei Jahren fragte das Unternehmen nach den Grillvorlieben hierzulande. Die meisten sähen sich als Schönwettergriller, die zweitgrößte Gruppe seien die mithelfenden Gesellschaftsgriller, an dritter Stelle kommen die sogenannten Anlassgriller. Worauf die Menschen grillen, wurde nicht erfragt. Im Schnitt, so lässt sich vermuten, werden die Grillgeräte ausgeklügelter, auch teurer.

Verkäufer Thomas Rado steht mit Kappe und kurzer Hose an einem Napoleon-Griller
Thomas Rado erzählt in Verkaufsgesprächen gern ein paar grillhistorische Schmankerl.
Heribert Corn

Holzkohle, Gas, Strom

Am Anfang war das Feuer, dann kam aber auch schon der Holzkohlegrill. Ungefähr ab dem Jahr 2010, kann man von heimischen Grillmeistern erfahren, begann dann der Gasgriller in unseren Breiten beliebter zu werden. Auf Holzkohle grillen tendenziell die Nostalgiker und Romantiker, zur Gasflasche greifen die Pragmatiker. Dann gibt es noch Elektrogrills, die meist kleiner und billiger sind und sich für den Balkon eignen. In manchem Grillforum wird die Zubereitung von Speisen auf Elektrogeräten aber als "nicht authentisches Grillen" gerügt.

In den Neunzigerjahren haben die Österreicher noch einfach gegrillt. Heute könnte man sagen, sie neigen zu American Grilling oder Barbecue.

Im Grill Heaven wird das Thema daher als Erlebnis vermarktet. Die Geräte von Napoleon, dem größten Grillhersteller Nordamerikas, tragen Namen, die wohl gerade männliche Kunden ansprechen sollen: Prestige, Rogue oder die mattschwarze Phantom-Serie. Die Bedienknöpfe mancher Napoleon-Griller leuchten in wechselnden Farben, fast wie Spielautomaten.

Zwischen dem schweren Gerät findet man allerhand Zubehör, das nicht unwichtige Zutaten zum Grillkult liefert: das wellenförmige Steakmesser zum Beispiel, die Holzkohle in "Steakhouse-Qualität" oder eine Grillsauce mit dem Etikett "Brennstoff". Wie viel kann man hier für ein Gerät ausgeben? Eins der teuersten Geräte im Grill Heaven, der Block D des deutschen Herstellers Flammkraft, kostet knapp 6900 Euro. Das größte Big Green Egg, so heißt ein bei Grillprofis geschätzter Keramikgriller, kommt auf rund 5300 Euro.

Mehrere Big-Green-Egg-Grillgeräte im Schauraum des Geschäfts Grill Heaven in ihrer charakteristischen Eierform 
Den US-Hersteller Big Green Egg kennt man für seine Keramikgrills nach japanischer Kamado-Art. Das Material wurde von der Nasa mitentwickelt und soll entsprechend langlebig sein.
Heribert Corn

Nasa-Technologie

An diesem Freitagnachmittag ist der Grill Heaven gut besucht. In seiner späten wie kurzen Mittagspause läuft Thomas Rado schnell raus und kehrt mit einem McDonald’s-Sackerl zurück. Hinten im Büro gerät er auf Nachfrage schnell ins Philosophieren.

Das beste Produkt? Flammkraft sei "der Bugatti Veyron" unter den Grillgeräten. (Man muss wissen, der Grill Heaven gehört mittlerweile zum deutschen Unternehmen Zwilling, das hinter der Marke Flammkraft steht.) Was hat es mit den Keramikgrills der Marke Big Green Egg auf sich, die im Grill Heaven ein ganzes Abteil füllen? "Die werden in Mexiko produziert, im selben Werk, in dem auch die Nasa ihre Space-Shuttles und Satelliten gebaut hat", sagt Rado. Es klingt anerkennend. Er beißt in seinen Chickenburger und fügt hinzu: "Die geben eine lebenslange Garantie auf das Material." Wohin geht der Trend? "Zum Beispiel zu Outdoorküchen. Heute schreibe ich wieder einmal ein Angebot über 10.000 Euro."

Wolfgang Arndt hantiert mit einer Grillzange am offenen Feuer
Grillschulleiter Wolfgang Arndt: "Ich habe keine Grillsaison. Ich mach' auf dem Griller auch mein Weihnachtsgansl."
Heribert Corn

Zum Grill Heaven gehört außerdem noch eine Grillschule. Dort oben, im ersten Stockwerk, ist Grillschulleiter Wolfgang Arndt sozusagen der liebe Gott. Auf seiner Visitenkarte steht "diplomierter Fleischsommelier". Arndt, 55 Jhre alt, ist gelernter Koch, arbeitete für Hilton und Hotel Panhans, im Jahr 2014 war er Staatsmeister in der Kategorie Smoken, ein Mann also, der über den Grilltellerrand blickt.

Am Programm der Grillstaatsmeisterschaft, die jährlich in der Steiermark stattfindet, lässt sich auch ablesen, wie facettenreich das Spiel mit dem Feuer geworden ist: Da gibt es etwa Meisterschaften am Smoker, am Dutch Oven (Gerichte im Gusseisentopf) und Wettkämpfe für Ripperln, Burger und Pizza. Und natürlich an der Feuerplatte – einer runden Stahlplatte, in deren Mitte ein Feuer lodert. "Der Trend zur Feuerplatte ist sicher da", sagt Arndt im Grill Heaven. "Das Flammenbild ist epochal, du hast die Wärme, und da können zehn oder 15 Leute rund ums Feuer zusammenstehen."

Pizzaöfen der Marke Gozney stehen an einer Wand vor Pizzaplakaten
Das britische Unternehmen Gozney gilt als Spezialist für Pizzaöfen.
Heribert Corn

Amerikanisierung des Grillens

Den gesellschaftlichen Trend zum Brutzeln unter freiem Himmel sieht Arndt wohl auch berufsbedingt keineswegs abkühlen. "Ich sage immer, Grillen ist der kleine Urlaub. Sobald’s warm wird, wollen die Leute das. Sie hungern richtig danach." In seinem Haus in Hainburg beherbergt er 21 Grillgeräte – und grillt folglich zu jeder Jahreszeit. "Ich habe keine Grillsaison. Ich mach auf dem Griller auch mein Weihnachtsgansl."

Der Kult ums Grillen lässt sich wohl als Teil einer allgemeinen Welle zum Do-it-yourself verstehen. Es gibt Kochsendungen und Foodblogs sonder Zahl, und Sender wie Servus TV präsentieren gerne alte Handwerke als Zeugnisse eines vermeintlich besseren Gestern. Hinzu kommt, dass beim Grillen gleichermaßen amerikanische Hipness wie Ernsthaftigkeit über den Ozean geschwirrt sind. Und so suchen auch an diesem Freitag Kundinnen und Kunden bis zum Ladenschluss des Grill Heaven um 18 Uhr nach dem Gerät, mit dem’s so richtig gerät. (Lukas Kapeller, 9.7.2024)