Wenn König Fußball von Emotionen lebt, dann tut er das auf Kosten der Verlierer. Die heurige Ausgabe der EM geht mit Fan-Herzen besonders gnadenlos um. Im Elferschießen gescheiterte Schweizer und mit vier Punkten ausgeschiedene Ukrainer schaffen es da nicht einmal in die ärmsten fünf.

Yussuf Poulsen war am Boden.
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5. Dänemark: Zentimeter zwangen die Dänen in die Knie

Die Handregel, sagte Thomas Müller, ist ein "verzwicktes Luder". Deutschlands ewiger Raumdeuter sagte das nach dem verlorenen Viertelfinale, hätte es aber genauso nach dem gewonnenen Achtelfinale sagen können. Dänemark war beim 0:2 in Dortmund von einer verheerenden Rechts-links-Kombination der Regelhüter auf die Bretter geschickt worden.

Das erste Opfer hieß Joachim Andersen. Der dänische Verteidiger jubelte in der 48. Minute über das vermeintliche 1:0, ehe VAR Stuart Atwell Bedenken anmeldete. Thomas Delaney war zuvor eine Fußspitze zu weit vorn gestanden. Bitter, aber dank der halbautomatischen Abseitserkennung zweifellos richtig.

Das zweite Opfer hieß wieder Joachim Andersen. David Raum flankte von links, Andersen sprang, mangels Zwangsjacke entfernte sich sein Arm etwas vom Körper – Treffer. Auch dieser vom VAR bestellte Elfmeter war regelkonform, doch man konnte Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand verstehen, als er sagte: "Ich habe echt genug von dieser lächerlichen Handregel. Wir können von den Verteidigern nicht erwarten, dass sie mit den Händen auf dem Rücken laufen."

Peter Pekarik rief nach einer vergebenen Chance in der Verlängerung den Himmel an.
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4. Slowakei: Der große Wurf war zum Greifen nah

Träumt ein slowakischer Fußballfan in den nächsten Jahren von Jude Bellingham, ist es ein Albtraum. Das Team von Vincenzo Calzona hatte nach seiner 1:0-Führung im Achtelfinale gegen England Dribblanski Bukayo Saka in Schach gehalten, eine Legion Flanken weggeschädelt und beim Stangenschuss von Declan Rice auch das nötige Glück gehabt. Erst Bellinghams unwiderstehlicher Fallrückzieher in der 95. Minute rettete den Favoriten.

Dass David Strelec zuvor von der Mittellinie das leere Tor verfehlt hatte (54.), war nun umso bitterer. Kanes Siegestor in der ersten Minute der Verlängerung fiel noch in die Schockphase hinein. Statt dem größten Erfolg der Slowakei seit den fußballerisch großen Zeiten der Tschechoslowakei gab es das größte Was-wäre-wenn.

Nein, die Slowakei war in ihrem Selbstverständnis sicher kein Geheimfavorit, das wäre nach einem 1:2 gegen die Ukraine und einem 1:1 gegen Rumänien trotz des 1:0-Auftaktsieges gegen Belgien doch etwas vermessen gewesen. Doch wer in der 94. Minute des Achtelfinales 1:0 führt und weiß, dass auf dieser Seite des Turnierbaums kein größerer Name mehr kommen kann, der darf auch mal träumen – nur lieber nicht von Bellingham.

Michael Gregoritsch ging es wie dem Rest Österreichs.
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3. Österreich: Als bessere Mannschaft bitter gescheitert

Es war ein verhexter Abend in Leipzig. Ja, Türkei-Teamchef Vincenzo Montella war mit seinem Spielaufbau ein taktischer Kunstgriff gelungen; und ja, man kann und muss Eckbälle auf diesem Niveau besser verteidigen. Und doch blieb Österreich nach dem 1:2 im Achtelfinale vor allem das Wissen, als bessere Mannschaft ausgeschieden zu sein.

Das Pech, das Knappe, dieser elende Konjunktiv bleiben Rot-Weiß-Rot bei Europameisterschaften treu. Hätte Alaba 2016 nicht die Stange getroffen, hätte der VAR das Arnautovic-Tor gegen Italien 2021 nicht einkassiert, hätte Mert Günok Christoph Baumgartners Kopfball in der letzten Minute nicht pariert – eh schon wissen.

Analog zur Deutschland-Episode gilt: Die Verlängerung hätte nicht mit 5:2, sondern mit 2:2 begonnen. Aber die Chance auf den Aufstieg wäre gegen völlig platte Türken groß gewesen, danach hätten die schon bezwungenen Niederlande gewartet, deren Halbfinalgegner England ist sowieso weit weg von unschlagbar.

Okay, für einen ÖFB-Finalsieg gegen Spanien oder Frankreich braucht es schon sehr viel Fantasie. Aber die Niederlage in Leipzig wird immer für mehr als nur ein verlorenes Achtelfinale stehen.

Luka Modric war bei der Entscheidung schon ausgetauscht.
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2. Kroatien: Wenn der Blitz in der 98. Minute einschlägt

Würden Fußballspiele 94 Minuten dauern, wäre Kroatien mit sechs Punkten locker Gruppenzweiter geworden. Aber da es erst aus ist, wenn der Schiedsrichter pfeift, mussten Luka Modric und Konsorten leiden. Am zweiten Spieltag besorgte Albaniens Klaus Gjasula in der 95. Minute das 2:2, doch das sollte nur das Vorspiel zum großen Drama gewesen sein.

Leipzig bot am 24. Juni die Bühne, Modric schien mit seinem Tor zum 1:0 gegen Italien der Held der Geschichte zu sein, musste am Ende aber noch ein "tragischer" davorstellen. Die Squadra Azzurra war im Rückstand plan- und weitgehend hoffnungslos, vom großen Aufbäumen war keine Rede. Bis zu dieser 98. Minute.

Hätte Italien bei der EM Größeres erreicht, wären Riccardo Calafioris Solo und Mattia Zaccagnis perfekter Schuss zum 1:1 immerhin in die dortige Fußballgeschichte eingegangen. So war die Aktion nur eine G'nackwatsche für die Kroaten, die der Ausgleich auf Gruppenplatz drei zurückwarf. Dass die Vatreni aufgrund der Turnierarithmetik dann noch einen Tag warten und darauf hoffen mussten, dass England gegen Slowenien 3:0 gewinnen würde, war der Gipfel der Grausamkeit.

Toni Kroos' letzter Abgang als Fußballprofi schmerzte.
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1. Deutschland: Für den Gastgeber tut es noch mehr weh

Sportliche Unsterblichkeit gibt es auf dem Markt des Schicksals nicht oft zu erwerben. Viele Sportsleute bekommen die Chance nur alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen, Fußballer haben sie immerhin alle zwei Jahre bei Kontinental- und Weltmeisterschaften. Ein großes Turnier im eigenen Land zu gewinnen, diese Chance kommt in einem Sportlerleben höchstens einmal.

Deutschland hatte diese Chance, und Deutschland war verdammt nah dran. Das Viertelfinale gegen Spanien wäre wohl die schwierigste Hürde auf dem Weg zum Titel geblieben. Doch in der Verlängerung ließ die DFB-Elf einige Chancen ungenutzt, Mikel Merino hingegen köpfelte in der 119. Minute das entscheidende 2:1.

Deutschland fühlte sich gleich zweimal betrogen: vom Schiedsrichter, da Marc Cucurellas Handspiel im Strafraum ungeahndet blieb, und vom Fußballgott, weil Merinos Tor aus heiterem Himmel fiel. Eh, Anthony Taylor hatte korrekt entschieden, und auch ein Elferschießen hätte man erst einmal gewinnen müssen, aber im Dampf der Emotionen verschwinden solche Wahrheiten schnell und hinterlassen nur gefühlte Ungerechtigkeit – und das Wissen, eine einmalige Chance verpasst zu haben. (Martin Schauhuber, 8.7.2024)

Trauer bei deutschen Fans über EM-Aus
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