Nackte Frauenschulter mit einer Sonne aus Creme aufgemalt.
Gerade im Sommer, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, kann der Körper viel Vitamin D produzieren. Doch das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, ist viel größer als das von Vitamin-D-Mangel.
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Bremst Sonnenschutz die Vitamin-D-Produktion?

Zu viel Creme soll die Synthese des lebenswichtigen, hormonartigen Vitamins bremsen, liest man oft auf Social Media. Doch das Risiko ohne Schutz ist viel größer

Gerade im Sommer, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, kann der Körper viel Vitamin D produzieren. Doch das Risiko von Hautkrebs ist viel größer als das von Vitamin-D-Mangel.

Einerseits will man sich vor der Sonne schützen. Andererseits will man das Vitamin D, das der Körper mithilfe der UV-Strahlung produziert, weil es für viele Stoffwechselvorgänge essenziell ist. Soll man also wirklich immer Sonnencreme auftragen, wenn man draußen ist? Immerhin könnte zu viel Sonnenschutz die körpereigene Produktion hemmen.

Diese Frage sorgt jedes Jahr aufs Neue für Diskussionen, wie auch aktuelle Instagram-Debatten zeigen. Immer wieder raten Influencerinnen und Influencer, man solle auf Sonnenschutz verzichten, weil man sonst kein Vitamin D produziere. Was ist wirklich dran an dieser Aussagen?

Großes Hautkrebsrisiko

Vitamin D ist ein lebenswichtiges, hormonartiges Vitamin, das essenziell für die Knochendichte ist. Es beeinflusst die Hormonproduktion der Schilddrüse und die Insulin-Sekretion, und es ist auch für Gehirn und Psyche relevant. Es gibt einen Zusammenhang zwischen niedrigem Spiegel und depressiver Verstimmung, ebenso mit dem Krankheitsbild der Demenz.

Der Körper kann Vitamin D prinzipiell in ausreichender Menge selbst produzieren, benötigt dafür aber Sonnenlicht – konkreter UVB-Strahlung. Die sorgt auch für die Bräunung der Haut – und für den Sonnenbrand, wenn man zu lang in der Sonne war. Außerdem kann UVB-Strahlung (genauso wie UVA) langfristig Krebs auslösen. Um genau diese Folgen zu vermeiden, verwendet man Sonnenschutz.

Inwiefern dieser die körpereigene Vitamin-D-Produktion beeinflusst, hat eine Studie aus dem Jahr 2019 untersucht, die im Journal BJ Dermatology erschienen ist. Dafür haben sich zwei Gruppen von Freiwilligen aus Polen eine Woche lang auf der Atlantikinsel Teneriffa mit zwei unterschiedlichen Sonnenschutzmitteln, jeweils mit Lichtschutzfaktor (LSF) 15, eingeschmiert. Bei einem war der Schutz gegen UVA-Strahlung höher, beim anderen der gegen UVB-Strahlung. Geschmiert wurde mehr als die laut Hersteller empfohlene Menge, damit auf jeden Fall die volle Schutzkraft erreicht wurde. Eine dritte Gruppe trug Sonnenschutz in unkontrollierter Menge und nach eigenem Gutdünken auf. Eine Kontrollgruppe blieb ohne spezifische Sonnenschutzangaben zu Hause in Polen, wo weniger UV-Strahlung auf die Erde gelangt. Parallel dazu wurde der Vitamin-D-Spiegel im Verlauf der Woche gemessen.

Kumulative Schäden

Dabei zeigte sich, dass trotz des Sonnenschutzes Vitamin-D-Synthese möglich war. Bei den kontrollierten Gruppen wurde mit dem UVA-starken Sonnenschutz etwas mehr Vitamin D produziert, weil dieser mehr UVB-Strahlung durchlässt. Insgesamt hat sich der Spiegel aber mit beiden Produkten erhöht. In der unkontrollierte Gruppe wurde noch etwas mehr Vitamin D produziert als in jener mit hohem UVA-Schutz. Allerdings entstanden in dieser Gruppe auch einige Sonnenbrände. Bei der zu Hause gebliebenen Gruppe wurden die Vitamin-D-Spiegel sogar niedriger.

Daraus zeigt sich eindeutig, dass eine Vitamin-D-Synthese trotz umfassenden Sonnenschutzes möglich ist, betonen die Studienautorinnen und -autoren. Und sie schreiben: "Bisherige Studien zu den hemmenden Auswirkungen von Sonnenschutz auf die Vitamin-D-Synthese haben widersprüchliche Ergebnisse geliefert, möglicherweise weil die Menschen Sonnenschutz normalerweise nicht optimal auftragen. Bei vielen Studien gab es auch Designfehler." Oft wurden solche Studien auch mit künstlichem UV-Licht durchgeführt, nicht mit Sonneneinstrahlung. Auch andere Studien bestätigen die Erkenntnisse der Forschenden, etwa diese und diese.

"Sonnenschutz ist unbedingt nötig", betont auch der Dermatologe Rainer Kunstfeld. "Die Schäden, die die UV-Strahlung in der Haut ohne entsprechenden Schutz anrichtet, sind auf jeden Fall ein deutlich höheres Risiko als zu wenig Vitamin D. Mit diesem Argument kann man den Verzicht auf Sonnenschutz also nicht begründen." Wie groß das Schadenspotenzial von Sonnenexposition ohne Schutz ist, zeigt sich ganz klar an den Zahlen: Mehr als 30.000 Menschen erkranken jedes Jahr an weißem Hautkrebs, knapp 2000 bekommen ein bösartiges Melanom. Das liegt auch daran, dass die Menschen immer älter und dadurch die Schäden in der Haut immer mehr werden. Denn Schädigungen durch Sonnenbrand oder zu lange Sonnenexposition heilen nicht aus, sie kumulieren und lassen irgendwann Hautkrebs entstehen.

Es stimmt natürlich, dass in unseren Breitengraden viele Menschen von niedrigen Vitamin-D-Spiegeln betroffen sind. Das liegt aber in erster Linie daran, dass in den Wintermonaten die Sonne so tief steht, dass die UV-Strahlung nicht so weit in die Haut eindringen kann, damit es produziert wird – die Haut schädigen kann es aber trotzdem. Wer potenziell zu wenig Vitamin D hat, sollte deshalb seine Blutwerte überprüfen lassen und im Fall des Falles entsprechend substituieren, statt in der Sonne zu brutzeln.

Mehr ist mehr

Wenn man dann in der Sonne ist, ist entsprechender Schutz umso wichtiger. Mehr ist dabei mehr. Um tatsächlich die volle Schutzkraft, so wie sie auf der Tube vermerkt ist, zu erreichen, benötigt ein erwachsener, normalgewichtiger Mensch 36 Gramm Schutzmittel, das sind etwa sechs Teelöffel voll. "Verwendet man weniger, reduziert das den Lichtschutzfaktor", bestätigt Kunstfeld. Der Lichtschutzfaktor wird dabei so berechnet, dass man bei entsprechendem Auftrag zehnmal, 20-mal oder 50-mal so lange in der Sonne bleiben kann, wie es die Eigenschutzzeit der Haut zuließe. Bei einem sehr hellen Hauttyp sind das bei LSF 50 dann statt zehn Minuten 500 Minuten, also gut acht Stunden.

Ganz so stimmt die Rechnung aber auch wieder nicht, weil es beim Baden, beim Abtrocknen mit dem Handtuch, durch Schweiß oder auch beispielsweise beim Beachvolleyballspielen zu Cremeabrieb kommt, das vermindert den Schutz. Deshalb ist es unbedingt nötig, immer wieder nachzuschmieren. Am Ende des Tages sollte man außerdem Aftersun-Produkte auftragen. "Darin sind Reparaturenzyme enthalten, die helfen, die schädigende Wirkung der UV-Strahlung auf die Haut einzudämmen", erklärt der Dermatologe.

Und abgesehen von Lichtschutzprodukten zum Auftragen gibt es auch noch andere Möglichkeiten der Protektion, betont Kunstfeld. "Sonnenhut oder Kappe schützen das Gesicht, für die Augen empfehle ich Sonnenbrillen. Und es gibt Kleidung mit integriertem Sonnenschutz. Das ist vor allem für Kinder empfehlenswert, die oft lange im Wasser in der Sonne spielen. Bei den Kleineren ist die Haut nämlich noch dünner und der Eigenschutz damit geringer als bei Erwachsenen." (Pia Kruckenhauser, 11.7.2024)