Die ersten Meter rollen sich gut an. Der Asphalt ist nigelnagelneu und sehr geschmeidig, er hat keine Löcher und wenig Rollwiderstand – es geht dahin wie nur was. So stelle ich mir eine Bahnradbahn vor, ohne jemals Bahnrad gefahren zu sein. Ich trete rein, vorbei an Neuroth-Hörgeräte – nein Freunde, die nächsten Minuten will ich gar nicht so gut hören. Dann geht es am "Musclepump" vorbei – Oida, natürlich pumpe ich! Jetzt der Dogenhof, in dem neuerdings die Mochis italienisch-japanische Küche kochen. Soll ich bremsen?

Vor der Urania staut es sich auf dem Radweg.
Christian Fischer

Wozu? Man bekommt sowieso nie einen Platz, und ich will auch gar nicht wissen, welche Pappnasen doch einen bekommen haben, und außerdem mündet jetzt die Mayergasse ein, und ich! Habe! Vorfahrt! Tatsächlich kommt ein Auto, der Fahrer hat keine Ausrede, weil ihm kein Parkplatz die Sicht verstellt, ich fliege in die Kreuzung und merke, wie der Typ in seinem Audi Automatik in die Bremsen hüpft, so sehr, dass die Beifahrerin in den Sicherheitsgurt fällt. 20 Sekunden bin ich auf der neuen Praterstraße unterwegs – und verdammt, es ist ein gutes Gefühl.

Ein Rendering des Radhighways von 2021.
Zoom VP


Die Praterstraße: 900 Meter ist sie von der Aspernbrücke bis zum Praterstern lang und im Schnitt keine 30 Meter breit. 900 lächerliche Meter, die Teilnehmer der Tour de France würden in nicht einmal einer Minute durchpressen, durchschnittlich trainierte Radler brauchen unwesentlich länger. Sie wäre also nicht der Rede wert, hätte sie nicht die Politik zur ideologischen Großkampfzone erklärt. Autofahrer gegen Radfahrer, Fußgänger gegen Schanigartenbetreiber, Anrainer gegen Pendler: Über die Praterstraße wurden in den vergangenen Jahren so ziemlich alle Verkehrsthemen ausgekämpft, die man in einer Millionenstadt diskutieren kann. Am Ende ging es immer um die Frage, wem unsere Straßen gehören: denen, die an ihnen wohnen? Oder doch eher denen, die sie benützen müssen?

Das Ende des Bankomaten der Polizei

Es geht vorbei an Gaia Kitchen, am McFit-Fitnessstudio, dann am nächsten Hörgeräte-Akustiker, es ist sicher Zufall, dass es in dieser Durchzugsstraße vier verschiedene Läden für Hörgeräte gibt. Nach 40 Sekunden komme ich zur Einmündung der Rotensterngasse und tatsächlich: Der Radweg ist auch in diesem Bereich von der Straße getrennt. Das bedeutet, dass die Ampel nur noch für Autos gilt, und das wiederum bedeutet, dass die LPD Wien einen ihrer besten Bankomaten verloren hat. Hier haben sich nämlich jahrelang – bei gutem Wetter – Polizisten versteckt und die Radfahrer abkassiert, die nicht verstanden haben, dass die Straßenampel auch für sie gilt. 35 Euro Lehrgeld kostete das, und es hat so ziemlich jeder Radfahrer mal bezahlt.

Am 21. Dezember 2023, bei seiner Eröffnung, war der 'Radhighway' auf der Praterstraße in Wien-Leopoldstadt nicht ganz so schön wie auf dem Rendering.
APA/ROLAND SCHLAGER

Seit fast zehn Jahren wurde über die Praterstraße gestritten. Sie verbindet eben nicht nur die innere Stadt mit der Donaustadt, sie ist auch die direkte Verbindung für viele Wiener in den Prater. An den Wochenenden ist deswegen viel los, und je mehr Menschen das Rad nicht nur als Sport-, sondern auch als Verkehrsmittel entdecken, desto enger wird es. Die beiden Radwege entlang der Autospuren waren seit Jahren grenzwertig voll, sobald jemand mit Kind unterwegs war, konnte man nicht mehr überholen, und es staute wie sonst nur zur Rushhour am Gürtel auf den Autospuren.

Rot und Grün

Die eher innerstädtisch orientierten Grünen wollten deswegen seit 2015 die Radwege auf Kosten von zwei Autospuren verbreitern. Für die SPÖ, die ihre Politik eher an den einwohner- und damit wählerstimmenstarken Flächenbezirken ausrichtet, kam das nicht infrage. 2022, nachdem der Bezirk von den Grünen an die SPÖ ging, gab es einen Kompromiss: Die Praterstraße wurde umgebaut, und ein Fahrstreifen wanderte von den Autos zu den Radfahrern.

Rot und Grün stehen nicht nur bei der Ampel für unterschiedliche Verkehrskonzepte.
Christian Fischer

50 Sekunden nach dem Start fliege ich bei Radsport RIH vorbei. Nach 65 Sekunden, beim Ausgang der U-Bahn-Station vor dem Bobo-Café Balthasar, erwische ich beinahe den ersten Fußgänger. Aber ehrlich – warum quert der auch mit Kopfhörern den Radweg? Ich brülle wie sonst nur ein Autofahrer, aber eigentlich ist es mir auch egal, in diesem Duell bin ich stärker. Weiter.

Störende Ansichten

Der Radweg ist mit 4,5 Metern sehr breit, und noch ist wenig los, nur die Foodora- und Lieferando-Fahrer mit ihren E-Pedelecs stören. Hey, Leute, kocht doch mehr! Übrigens ein ehrliches Wort: Von hinten betrachtet sehen Radfahrer nicht immer sehr vorteilhaft aus, vor allem, wenn die T-Shirts kurz und die Hosen rutschig sind. 1:20 Minuten, ich schieße über den Nestroyplatz. Auch hier ist keine Ampel, das Auto, das nach links abbiegen will, muss warten. Ich fühle mich wie der König der Welt – oder zumindest der Praterstraße.

30 Millionen Euro hat die Stadt Wien in den Umbau investiert. Die Praterstraße ist jetzt ein sogenannter Radhighway. Es wurden auch noch 50 Bäume gepflanzt und mehrere Pressekonferenzen mit Verkehrsstadträtin Ulli Sima gegeben. Die Praterstraße ist ein Schlüssel auf dem Weg zur Klimamusterstadt. Und jetzt, an einem Donnerstagabend im Juni, ist sie vor allem großartig zu befahren.

Fußgänger und E-Scooter

Eine Minute 30 nach dem Start: Es geht bei der neuen Filiale der Bäckerei Öfferl vorbei. Wie ist das eigentlich mit Fußgängern auf dem Radweg, was haben die hier verloren? 1:42 Minuten, mit Tempo wird die Kurve vor dem Vapiano eng, im Vollbetrieb wird sie ein Kriterium – auch wegen der vollverschleierten Gäste aus dem Novotel gleich nach der Kurve, die hier auf dem Radweg E-Scooter ausprobieren.

1:51 Minuten, das Auto, das aus der Ferdinandstraße in die Praterstraße einbiegen will, hat die Stopptafel zum Glück noch gesehen. Zeit zu bremsen war nämlich keine mehr.

1:59 Minuten, ich schleife mich vor dem Gebäude der Uniqa am Donaukanal ein. Hier, ganz am Ende, ist die erste Ampel am neuen Praterstraßenradweg montiert. Damit kann ich nach 900 Metern Fahrtweg leben. (Markus Huber, 8.7.2024)