Altbackene Schauwerte statt gehaltvolle Regieideen: die Premiere von "Norma" bei der Oper Klosterneuburg.
Lukas Beck

Jahrelang kein Pieps von Vincenzo Bellinis Norma an den Wiener Opernhäusern, nun kehrt der Belcanto-Hit sukzessive an die hiesigen Bühnen zurück. Seit Samstag residiert das Sangesdrama um die gallische Hohepriesterin und ihren römischen Lover erst einmal im Hof des Stifts Klosterneuburg, im Februar 2025 wird es sowohl im Theater an der Wien als auch an der Staatsoper zu Premiere-Ehren gelangen.

Bleibt zu hoffen, dass der Stoff im Folgejahr mehr Regiefantasie entzündet als derzeit bei der Oper Klosterneuburg. Dort hat Intendant Michael Garschall vor seinem überraschenden Abgang im Februar noch Monica Ivona Rusu-Radman mit der Inszenierung betraut.

Altbackene Schauwerte

Und leider: Die Rumänin, bisher eher choreografisch tätig, setzt auf altbackene Schauwerte statt auf gehaltvolle Regieideen. Auf der Bühne (Hans Kudlich) ragen stilisierte Riesenbüsche und ein paar Baumstämme in den Himmel, im Zentrum steht eine Predigtkanzel aus Hinkelsteinen für die Mistel schneidende Titelheldin. Die römischen Besatzer stiefeln hier mit Schwert, Brustpanzer und, nun ja, Stiefeln daher, Herr und Frau Gallier sind entweder als Fighter in Lederkluft kostümiert oder als druidische Schutzmantelmadonna. Am tiefsten gräbt sich das Erscheinungsbild der Nachwuchspriesterin Adalgisa ins Gedächtnis. Während das blonde Haupthaar und das wallende Kleid an die schöne Falbala aus dem Asterix-Dorf gemahnen, kokettiert der metallische Zierrat am Dekolleté ein klein wenig mit der 90er-Serie Xena.

Schauspielerei stellt sich hier nur leider kaum ein. Stattdessen werden die Pathosgesten einer Opernwelt von gestern bemüht und die Beinmuskeln nur selten strapaziert. Seltsam: Im ersten Finale, wenn es in Normas Haus eigentlich Granada spielen müsste wegen der Untreue ihres Pollione, bewegt sich das Bühnenpersonal unwesentlich mehr als die Baumstämme rundum.

Power-Tenor

Die gute Nachricht? Es herrscht Kaiserwetter am Premierenabend im Kaiserhof. Und die gesangliche Qualität stimmt. Zugegeben: Karina Flores hat zwar hie und da Mühe, wenn sie einen diffizilen Belcanto-Gesang mit einem inbrünstigen Tonfall verbinden muss. Beides für sich genommen – ziselierte Melodiebögen und schroffe Attacken – meistert diese Norma aber mustergültig und berückt zudem durch ihre Piano-Finesse. Arthur Espiritu vermittelt mit seinem nasalen Power-Tenor eindrucksvoll die Unersättlichkeit des Pollione, der seine Norma durch das jüngere "Modell" Adalgisa zu ersetzen gedenkt.

Letztere ist bei Margarita Gritskova bestens aufgehoben, deren dunkel glosender Mezzo selbst Rezitativen Höchstwerte an Intensität beschert. Respektabel: Beniamin Pop (Oroveso) und Gabriela Hrzenjak (Clotilda) sowie ein Chor, der sich nach einem Wackelstart hörbar steigert. Pauschaler Beifall schließlich für alle Beteiligten – auch Christoph Campestrini, der die Beethoven Philharmonie mit Swing und mitunter reichlich Schmackes durch die Partitur führt. (Christoph Irrgeher, 8.7.2024)