Es ist nicht das erste Mal, dass dem Ex-Fußballer Rassismus vorgeworfen wird.
REUTERS/Heiko Becker

Gibt man in die Suchleiste der Plattform X den Namen Toni Kroos ein, werden einem derzeit die Begriffe "racist" und "immigration" vorgeschlagen. Grund dafür ist ein Interview, das der frisch pensionierte Fußballer im Vorfeld des Viertelfinales der deutschen Mannschaft im ZDF-Podcastformat Lanz & Precht gab. Obwohl sich das Dreiergespann naheliegenderweise viel über die Europameisterschaft und Kroos' Karriere austauschte, liegt das Augenmerk der Online-Debatten anderswo: In den letzten sieben Minuten des knapp anderthalbstündigen Gesprächs teilte Kroos seine Einschätzung zur Lage der deutschen Nation, insbesondere in Bezug auf Migration. Online werden seine Aussagen international weit verbreitet und viel diskutiert, was auch an ungenauen Übersetzungen liegt.

Falsche Zitate

Den Anstoß für den internationalen Aufschrei auf Social Media gab maßgeblich ein Beitrag der Seite Centre Goals, die sich der Allround-Berichterstattung zu europäischem Fußball verschreibt. Dieser zitiert nach zwei davorstehenden roten Sirenen, dass Toni Kroos Deutschland nicht mehr für das Land hält, das er vor zehn Jahren verlassen hat, und den Grund dafür in der Massenmigration sieht. "Überall sind Probleme. Es ist zu eng, es ist zu viel", steht in dem Post. Und dass der ehemalige Real-Madrid-Spieler weiter in Spanien wohnen wird, da er Angst hätte, seine Tochter um elf Uhr abends in einer deutschen Stadt ausgehen zu lassen.

Später teilte derselbe Account einen Beitrag, in dem er sich selbst korrigierte. Im deklarierten Dienst der Klarstellung wird mitgeteilt, dass sich nach Gesprächen mit Freunden in Deutschland herausgestellt hat, dass Kroos in besagtem ZDF-Podcast nicht das Thema Massenmigration besprochen hat. Der originale Beitrag erhielt 47.900 Likes, die darauffolgende Richtigstellung 1200. Trotz deutlich weniger Reichweite sorgte sie dafür, dass einige Onlinejournalisten und andere Accounts ihre Posts, in denen sie die inakkuraten Zitate aufgegriffen hatten, löschten. Nach wie vor sind jedoch zahlreiche Posts und Kommentare zu finden, in denen Kroos als Rassist bezeichnet wird. Nicht weniger oft wird er doch auch von mitunter einschlägigen Accounts als Vorreiter beschrieben, der sich traut, das auszusprechen, was viele denken.

Centre Goals korrigierte später seinen eigenen Post und zog den Begriff Massenmigration zurück.
CentreGoals/ Screenshot von X

"Es ist einiges passiert in den letzten Jahren"

Doch was hat der bis dato erfolgreichste deutsche Fußballspieler nun wirklich von sich gegeben und kann tatsächlich von einer Misinformations-Kampagne gesprochen werden, wie es im Online-Diskurs teilweise der Fall ist? Für allgemeine Aufklärung sorgte der Thread des Sportjournalisten Archie Rhind-Tutt, der in London aufwuchs und in Deutschland für ESPN über die Bundesliga berichtet. Dieser machte sich die Mühe, den umstrittenen Abschnitt des Interviews in einem 24-teiligen Thread noch einmal für die Allgemeinheit zu übersetzen. Für deutschsprachige Personen besteht natürlich ebenso die Möglichkeit, den Podcast selbst nachzuhören.

Fakt ist: Der Begriff der Massenmigration ist im Gespräch nie gefallen. Auch das zitierte "zu viel und zu voll" stammt nicht von Kroos sondern von Moderator Markus Lanz. Sehr wohl hat der Fußballstar jedoch Aussagen getätigt, die auch aus dem rechten politischen Lager bekannt sind. Kroos erklärt, dass er Deutschland nach wie vor für ein tolles Land halte, allerdings, wie bereits erwähnt, eben nicht mehr für dasselbe das er vor zehn Jahren verlassen hat. Zunächst spricht er von der Sicherheitslage, die er schlechter ansieht als die in Spanien, folgt man seiner Einschätzung zu den Freiheiten seiner Tochter. Heutzutage hätte er Bedenken, ob diese in seinem Heimatland abends unbeschadet nach Hause kommen würde.

Generell sei die grundsätzliche positive Lebenseinstellung etwas abhandengekommen. Es ja auch einiges passiert sei in den letzten Jahren, die Kontrolle über "gewisse Themen" sei ein bisschen weggeschwommen. An diesem Punkt schreitet das Gespräch in Richtung des Themas Migration, was einen vermuteten Zusammenhang nahelegt. Kroos betont, dass er es "zu 1000% Prozent" unterstütze, dass Menschen mit offenen Armen empfangen wurden und Deutschland die Einwanderung offensichtlich auch brauche. Jedoch sei in den vergangenen Jahren vieles zu unkontrolliert abgelaufen und man habe das Ganze unterschätzt. "Wenn man bei ganz vielen Leuten, die kommen, nicht zwischen denen unterscheiden kann, die uns nicht gut tun, dann wird’s am Ende schwierig", erklärt der Fußballer und macht daran die geteilte Haltung der Deutschen fest.

Immer wieder beruft sich Kroos darauf, dass er sich hier auf sein eigenes subjektives Gefühl bezieht. Dies könne er beitragen, weil er sich nach wie vor informiert fühle, wirkliche Begegnungen habe er seit seiner Auswanderung ja nicht mehr so viele. In eine Ecke gestellt werden wolle er auf jeden Fall nicht und überlegt, wie er seine Gedanken dementsprechend formulieren soll.

Frühere Kontroversen

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Kroos mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert sieht. So geben sich viele Beiträge auf X unüberrascht über die Schlagzeilen zum ZDF-Interview. Oftmals wird auf frühere Kontroversen rund um den Rücktritt Mesut Özils aus der Nationalelf hingewiesen. Diesen hatte er mit Rassismus und mangelndem Respekt innerhalb des Deutschen Fußballbundes und darüber hinaus in der Gesellschaft begründet. Kroos entgegnete damals, Özil habe "Quatsch verbreitet" und "dass er selbst weiß, dass es Rassismus innerhalb des DFB nicht gibt."

Verteidiger des ehemaligen Mittelfeldspielers weisen wiederum darauf hin, dass dieser sich kurz vor der letzten Bundestagswahl deutlich von der AfD distanziert habe. In einem Interview mit der Bild am Sonntag sagte Kroos in Bezug auf die in Teilen vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Organisation: "Diese Partei braucht niemand." (hlk, 8.7.24)