"Es ist eine wahnsinnig emotionale Debatte. Im Radsport kannst du ein Restrisiko nie ausschließen. Die Veranstalter haben in meinen Augen keinen Fehler gemacht. Es war eine breite Straße, es war Pech. Das heißt aber nicht, dass man künftig keine Maßnahmen ergreifen kann." Thomas Pupp war hörbar betroffen, als er Ende Juni 2023 in einem Gespräch mit dem STANDARD Stellung nahm zum Tod des Schweizer Radprofis Gino Mäder, der während der Tour de Suisse in einer Abfahrt bei Höchstgeschwindigkeit zu Sturz gekommen und wenig später im Krankenhaus seinen beim Unfall erlittenen Verletzungen erlegen war.

Pupp kam damals mit Blick auf seine eigene Veranstaltung, die Tour of Austria, nicht umhin, festzustellen, dass der Profiradsport lebensgefährlich sein kann. Am vergangenen Samstag wurde der Tiroler auf tragische Art und Weise bestätigt. Während der vorletzten Etappe der Tour of Austria, in der Abfahrt vom Hochtor nach Heiligenblut auf der Großglockner-Hochalpenstraße, kam der Norweger André Drege bei hoher Geschwindigkeit zu Sturz und erlag noch an der Unfallstelle seinen Verletzungen. Der Profi aus Alesund wurde 25 Jahre alt.

Pogacar ratlos

Die Ermittlungen zum Unfallhergang laufen, die Bestürzung in der Szene ist ähnlich groß wie im Fall Mäder. Selbst die parallel laufende Tour de France hielt einen Moment inne. "Wir haben einen ziemlich coolen Job, aber die meiste Zeit ist es wirklich gefährlich", sagte Tadej Pogacar, der Favorit und Gesamtführende der Großen Schleife.

André Drege war auch bei der Tour de France gegenwärtig.
AFP/MARCO BERTORELLO

Ein Rezept, wie die Gefahr minimiert werden könnte, hat auch Pogacar nicht. "In der Welt des Radsports müssen wir aufeinander achten und uns umeinander kümmern", lautet ein lobenswerter, aber wenig konkreter Ansatz des Slowenen, der nicht zuletzt wegen einer waghalsigen Abfahrt vom Col du Galibier in diesem Jahr schon früh das Gelbe Trikot des Gesamtführenden übernommen hatte.

Konnte nach etlichen Stürzen, die im Frühjahr mehrer Schwerverletzte im Profilager gefordert hatten, noch zurecht Rücksichtnahme untereinander eingefordert werden, gilt in den Abfahrten die Eigenverantwortung als höchste Tugend. Bei Geschwindigkeiten von 100 km/h und mehr kann der kleinste Fehler tödlich sein. Formel-1-Autos seien zwar etwas schneller als Radprofis bergab, sagte Wolfgang Konrad dem STANDARD, "aber die Radfahrer sitzen im Freien, und sie haben keine Knautschzone".

Lösungsansätze

Konrad, dessen Sohn Patrick als Radprofi unterwegs ist, und der nicht unwesentlich zum Comeback der Österreich-Radrundfahrt als Tour of Austria beigetragen hatte, warf in die Diskussion nach Mäders Tod ein, dass Etappen nicht wie im damals vorliegenden Fall unmittelbar nach Abfahrten enden sollten. "Vielleicht wäre es besser, die Etappe würde noch zwanzig Kilometer länger dauern. Dann würde bergab vielleicht etwas weniger riskiert."

Das Team COOP - REPSOL von André Drege hielt am Sonntag vor der Kondolenzfahrt eine Gedenkminute für ihren tödlich verunglückten Kollegen ab.
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Der Unfall des Norwegers Drege ereignete sich aber weit vor dem Tagesziel. Auch Gebirgsetappen eher mit Bergankünften zu planen, wie der Belgier Remco Evenepoel einwarf, gilt in der Szene als wenig wünschenswert. "Die Abfahrten gehören zum Radrennsport dazu, auch bei Rundfahrten, so wie Bergankünfte, Etappen für Sprinter und Zeitfahren dazugehören. Das alles macht diesen Sport aus", sagte Konrad dem STANDARD.

Abfahrten durch Tempolimits zu entschärfen wäre ein Ansatz, widerspräche aber dem Wettkampfgedanken, schließlich gibt es absolute Spezialisten. Einer der profiliertesten war der "Hai von Messina" genannte Italiener Vincenzo Nibali, der selbst nicht von schweren, in Abfahrten erlittenen Verletzungen verschont blieb.

Ganzkörperhelm

Möglich, aber logistisch schwierig wäre es, die Profis vor Abfahrten Airbags anlegen zu lassen. Allerdings stieß schon die Helmpflicht infolge des Todessturzes des Italieners Fabio Casartelli bei der Tour de France 1995 auf leidenschaftlichen Widerstand nicht weniger Profis. Inzwischen gibt es keine Diskussionen. Vor den kommenden Gebirgsetappen der Tour de France gilt: Helm auf und auf das Beste hoffen. (Sigi Lützow, 8.7.2024)