Der James S. Brady Press Briefing Room im Westflügel des Weißen Hauses ist eigentlich ein Ort des gesitteten Austauschs. Meist am frühen Nachmittag tritt dort Bidens Sprecherin Karine Jean-Pierre an das Pult vor der aus unzähligen Hollywoodfilmen berühmten blauen Wand mit den beiden weißen Säulen und beantwortet die Fragen der gerade mal 49 Korrespondenten auf den fest vergebenen Sitzen.

Joe Biden will von Rückzug nichts wissen.
AFP/SAUL LOEB

Am Montag aber herrschte eine explosive Stimmung bei der Pressekonferenz. "Sie haben Fragen falsch beantwortet!", warf ein Reporter der Sprecherin vor, während diese sich in immer verwirrendere und widersprüchlichere Aussagen verwickelte. Was war nun der Grund für den katastrophalen Auftritt von Joe Biden beim TV-Duell: eine Erkältung, der Jetlag, eine schlechte Vorbereitung? Das Weiße Haus hatte zuletzt alle drei Erklärungen abgegeben. Und ist Biden auf eine Parkinson-Erkrankung untersucht worden? "Drei Mal – zuletzt im Februar", antwortete Jean-Pierre insgesamt 17 Mal. Es sei nichts diagnostiziert worden. Mehr aber wollte sie zunächst nicht preisgeben.

Der russische Präsident Wladimir Putin treibt in der Ukraine den Krieg immer brutaler voran. In Gaza steht ein möglicher Waffenstillstand auf Messers Schneide. In Washington beginnt der große Nato-Gipfel. Doch anderthalb Stunden lang gab es im Briefing Room des amerikanischen Präsidenten kaum ein anderes Thema als die gesundheitliche Fitness des Amtsinhabers, der sich für eine zweite Regierungsperiode bewirbt.

Kein Ende der Unruhe

So geht das seit fast zwei Wochen, und das Weiße Haus bekommt die öffentliche Unruhe nicht in den Griff. Am Dienstagmorgen erschienen die großen Zeitungen des Landes mit neuen Negativschlagzeilen. Das konservative Wall Street Journal enthüllte, wie enge Vertraute des Präsidenten offenbar seit langem die Gebrechlichkeit des 81-Jährigen vor der Öffentlichkeit verbergen. Die liberalen Blätter Washington Post und New York Times, die wahrlich keine Sympathien für Donald Trump hegen, drängten Biden in ihren Leitartikeln zu einer Rücknahme seiner Kandidatur. Der Präsident sei zum "Problem" geworden, urteilte die New York Times: "Es wäre das Beste für die Demokraten, wenn er zur Seite tritt."

Doch Joe Biden denkt nicht ans Aufgeben. Ganz im Gegenteil. Die massive Kritik nach seinem von Aussetzern und Versprechern überschatteten Auftritt in der TV-Debatte, bei dem er Trump keinen einzigen wirksamen Treffer versetzen konnte, hat ihn offenbar tief gekränkt und einen extrem störrischen Widerstandsgeist geweckt. Eine Woche lang schien Biden von dem verheerenden Echo überrollt zu werden. Es half nicht, dass er einem Radiosender in Philadelphia ein Interview gab, bei dem – wie sich bald darauf herausstellte – die Fragen vorab abgesprochen waren. Täglich forderten neue Parteifreunde seinen Abtritt.

Karine Jean-Pierre musste eine teils lautstarke, unangenehme Pressekonferenz moderieren.
EPA/MICHAEL REYNOLDS

Doch seit dem Wochenende hat Biden auf eine massive Gegenattacke umgeschaltet. Nur "der Allmächtige" könne ihn zu einem Verzicht auf die Kandidatur bewegen, erklärte er. Am Montagmorgen rief er live bei seiner Lieblings-Frühstücksfernsehshow Morning Joe an. Gleich bei der Begrüßung als "mutmaßlicher Präsidentschaftskandidat der Demokraten" ging er angriffslustig dazwischen: "Ich werde der Kandidat sein." Seine Gegner forderte er auf, ihn beim Parteitag herauszufordern: "Macht doch!" Spürbar aufgebracht wetterte er gegen "die Eliten", die seine Bewerbung hintertrieben. Eine einzige "schlechte Nacht" ändere nichts an seinen Chancen: "Ich bin überzeugt, dass der durchschnittliche Wähler immer noch Joe Biden will." Zuvor schon hatte er in einem Brief an die demokratischen Abgeordneten erklärt, dass er im Rennen bleiben werde, "um Donald Trump zu schlagen".

Kämpferisch und entschlossen

So kämpferisch und entschlossen hat man den von Trump als "Sleepy Joe" verspotteten 81-Jährigen lange nicht erlebt. Die Frage ist bloß, wie lange diese Phase anhält und ob sie die Bevölkerung umstimmt, die laut Umfragen inzwischen mehrheitlich zu Trump tendiert und Biden überwiegend zu alt findet. Im Kongress wirken die Demokraten zerrissen. Einerseits zweifeln viele Abgeordnete und Senatoren hinter vorgehaltener Hand daran, dass der greise Präsident die Wahl gewinnen kann. Andererseits wollen sie mit öffentlichen Äußerungen keine weiteren Trotzreaktionen provozieren und den Kandidaten nicht beschädigen, sofern er tatsächlich durchhält.

So schienen am Dienstag die Chancen auf eine offene Revolte der Parlamentarier eher zu sinken. Demonstrativ stellte sich die Gruppe der afroamerikanischen Abgeordneten hinter Biden. Viele wichen einer Festlegung aus, wie die gewiefte Taktiererin Nancy Pelosi, die ausdrücklich "Respekt" für Biden wegen dessen erfolgreicher Präsidentschaft einforderte, ohne die Frage nach der Kandidatur zu beantworten.

"Es ist Zeit, dass das jetzt aufhört", forderte der Präsident seine Partei ultimativ zur Beilegung der Personaldebatte auf. Viele scheinen dem nun eher resignierend zu folgen. Bei der Fraktionssitzung der Demokraten am Dienstag, so berichteten Teilnehmer, habe eine Stimmung "wie auf dem Friedhof" geherrscht. Die Ruhe dürfte kaum länger halten als bis zur nächsten verheerenden Umfrage oder einem schweren Patzer auf offener Bühne. (Karl Doemens aus Washington, 9.7.2024)