Wer eine US-Universität besucht, muss sich mit einigen Formularen und Regeln auseinandersetzen. Neben individuellen Hausordnungen sind die Institutionen auch dazu verpflichtet, verschiedene Gesetzesauflagen zu erfüllen. Eine davon entstammt dem Higher Education Opportunity Act (HEOA) und wurde 2008 erlassen. Sie zielt darauf ab, die illegale Verbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material über das Internet einzudämmen.

Die Regelung folgte auf den P2P-Filesharing-Boom der Jahrtausendwende. Napster, Limewire und später Bittorrent-basierte Werkzeuge erfreuten sich auf dem Universitätscampus massiver Beliebtheit. Das sorgte nicht nur teilweise für Beeinträchtigungen der Internetverbindungen im studentischen Wohnraum, sondern auch für Unmut bei den Copyrightinhabern. Insbesondere die Film- und Musikbranche lobbyierte massiv für Gesetzesverschärfungen zur Bekämpfung des Phänomens.

Kazaa ist seit 2012 endgültig tot.
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Der HEOA verpflichtet Bildungseinrichtungen dazu, "effektive Antipirateriemaßnahmen" zu setzen. Das gilt sowohl auf technischer Ebene – beispielsweise durch die Blockierung entsprechender Programme – als auch im Sinne von Sensibilisierungsmaßnahmen. Letztere beinhalten dabei auch Warnungen an die Studenten, sich die Verwendung verschiedener Programme lieber zweimal zu überlegen. Den Vorgaben kommen die Unis auch nach, denn bei Zuwiderhandeln droht ihnen der Verlust von Fördergeldern der US-Regierung.

Warnungen wie 2002

Bei Torrentfreak hat man diese offiziellen Hinweise nun stichprobenartig geprüft. Dabei stellte sich heraus, dass vielerorts diese Dokumente schon länger nicht mehr aktualisiert worden sind. So heißt es etwa bei der University of Vermont: "Trotz Gerichtsurteilen, die dieses Verhalten als illegal bewerten, partizipieren manche Leute nach wie vor in sogenanntem Peer-to-Peer-Filesharing von kommerziellen, urheberrechtlich geschützten Produkten mithilfe von Softwareprogrammen wie Morpheus, Limewire, Grokster und Kazaa. Diese Aktivitäten sind widerrechtlich."

Die Brescia University in Kentucky formuliert es hingegen so: "Filesharing-Programme wie Kazaa, Bittorrent, eDonkey und Limewire sind nicht illegal, aber viele Leute nutzen solche Programme, um illegales Material zu teilen, ohne die Erlaubnis dazu zu besitzen."

Korrekterweise werden dabei die Filesharing-Applikationen selbst nicht als illegal bezeichnet, sondern die Weitergabe von copyrightgeschützten Inhalten. Auch eMule, BearShare, Shareaza und eine Reihe weiterer Tools der frühen 2000er finden in verschiedenen Dokumenten Erwähnung. Die umfangreichste Auflistung liefert dabei die Boston University, deren Sammlung gleich 33 Einträge nebst Anleitung zur Deaktivierung der Programme enthält.

eMule war dereinst einer der beliebtesten Clients für das eDonkey-2000-Netzwerk.
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Die allermeisten davon existieren heute nicht mehr – oder zumindest nicht in dieser Form. Häufig erfolgte eine Stilllegung infolge teurer rechtlicher Auseinandersetzungen oder behördlichen Zugriffs. Einer der wenigen erwähnten Clients aus den universitären Warnblättern, die es heute noch gibt, ist uTorrent.

Auch "World of Warcraft" und Skype gelistet

Ein Kuriosum hat die Stanford University anzubieten. Sie warnt nicht nur vor den üblichen Verdächtigen, sondern auch vor Skype sowie dem Onlinerollenspiel World of Warcraft. Beide nutzten vor vielen Jahren für bestimmte Übertragungen noch Peer-2-Peer-Verbindungen. Skype, das seit 2011 im Besitz von Microsoft ist, hatte dereinst Kazaa übernommen und zwischenzeitlich dessen P2P-Netzwerk für die Abwicklung von Sprachanrufen verwendet. Seit 2012 läuft der Dienst aber ausschließlich über Microsofts Server.

Blizzard hatte wiederum Updates für World of Warcraft über den Blizzard Downloader ausgespielt, der selbige sowohl über HTTP-Verbindungen, als auch über das Bittorrent-Netzwerk bezog. Er wurde allerdings mit Patch 5.4.0 schon im September 2013 entfernt. Dass beide Programme nach wie vor im "Peer-to-Peer Traffic Advisory" von Stanford stehen, ist insofern bemerkenswert, zumal dieses laut Website zuletzt im vergangenen März aktualisiert wurde. (gpi, 9.7.2024)