Die Frühstückssendung Morning Joe beim linken Sender MSNBC wird von Joe Biden genau verfolgt. Mit dem Moderatorenehepaar ist er befreundet, und am Montagmorgen rief er persönlich in der Show an, um seinen Frust über die "Eliten" abzulassen, die ihn kritisieren. Unmissverständlich postulierte er: "Ich werde der Kandidat der Demokraten sein."

Umso bemerkenswerter ist, was sich zwei Tage später, am Mittwochmorgen, in derselben Sendung ereignete: Da saß Nancy Pelosi, die immer noch mächtigste Demokratin im Kongress, im Studio und wurde gefragt, ob Biden gegen Donald Trump antreten soll. Die politisch korrekte Antwort wäre gewesen: "Selbstverständlich." Doch Pelosi wich aus: "Es ist Sache des Präsidenten zu entscheiden, ob er kandidiert. Wir alle ermutigen ihn, diese Entscheidung zu treffen, denn die Zeit läuft uns davon."

Langjährige Vertraute

Pelosi ist 84 Jahre alt und damit drei Jahre älter als Biden. Aber sie ist eine gewiefte Taktikerin und formuliert auch im hohen Alter mit präziser Disziplin. Als Sprecherin des Repräsentantenhauses bis zum Verlust der Demokratenmehrheit vor zwei Jahren war sie die wichtigste Verbündete des Präsidenten und hat seine wichtigsten Gesetze durchs Parlament gebracht. Es ist undenkbar, dass ihr diese Äußerung herausgerutscht ist, zumal sie auf Nachfrage des verdutzten Moderators erwiderte: "Ich will, dass er tut, was auch immer er beschließt. So ist es dann. Was auch immer er beschließt, machen wir mit."

Eine Unterstützung für Biden ist das definitiv nicht. Im Gegenteil: Die Auslassungen suggerieren, dass das letzte Wort über die demokratische Präsidentschaftskandidatur noch nicht gesprochen ist, obwohl Biden kürzlich erklärte, "nur der Allmächtige" könne ihn davon abhalten. Diese Festlegung weicht Pelosi nun auf und versucht, Zeit zu gewinnen, obwohl sie das Gegenteil behauptet. Derzeit, fügte die Politikerin nämlich an, müsse Biden einen Nato-Gipfel leiten. Das sei ein "big deal", und er mache das großartig: "Lasst uns einfach abwarten. Was auch immer ihr denkt, erzählt es jemandem privat, aber erklärt es nicht offen, bis wir sehen, wie diese Woche läuft."

Anfang Mai waren Nancy Pelosi (links) und Joe Biden noch in Harmonie verbunden.
AP/Alex Brandon

Man kann diese Bemerkung als Versuch verstehen, etwas Druck aus dem Kessel der Demokratenfraktion zu lassen, wo sich angesichts desaströser Umfragewerte resignative Panik breitzumachen scheint. Oder als Ultimatum an Biden, der bei seiner Nato-Pressekonferenz am Donnerstag brillieren muss, um die Debatte über sein Alter zumindest vorübergehend abzuwürgen.

Beobachter in Washington spekulieren aber, ob nicht noch mehr dahintersteckt. Pelosi gehört zu den ganz wenigen Leuten in der US-Politik, denen man zutraut, dem Präsidenten hinter verschlossenen Türen ins Gewissen reden zu können. Auffällig ist nun, wie überschwänglich die Grande Dame der Demokraten die zurückliegenden Leistungen von Biden betont: "Er wird geliebt und respektiert von der Partei." Wenn man den störrischen 81-Jährigen – mit fraglichen Erfolgschancen – noch zu einem Sinneswandel bewegen wollte, müsste man es genau so machen. (Karl Doemens aus Washington, 10.7.2024)