Zerstörung in Shujaiya
Erst vor wenigen Tagen hat sich die israelische Armee aus Shujaiya im Osten von Gaza-Stadt zurückgezogen. Am Mittwoch rief das Militär die Bevölkerung in ganz Gaza-Stadt zum Verlassen der Stadt auf.
AFP/OMAR AL-QATTAA

Während der Waffenstillstandsverhandlungen in Kairo und Katar geht der Krieg zwischen der israelischen Armee und der Hamas im Gazastreifen mit unverminderter Härte weiter. Bei einem israelischen Angriff auf eine Schule in Absan, östlich der Stadt Khan Younis, wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza am Dienstag mindestens 29 Menschen getötet, 50 wurden verletzt. Videoaufnahmen zeigen den Einschlag einer Rakete direkt neben einem Innenhof, auf dem gerade eine Gruppe Jugendlicher Fußball spielte. Ein Sprecher der israelischen Armee sagte, man werde den Armeeeinsatz bei der Schule untersuchen. Israelische Medien berichten, der Angriff habe einem Hamas-Kommandanten gegolten, der sich am Eingang des in ein Flüchtlingslager umgewandelten Gebäudekomplexes aufhielt.

Am Mittwochvormittag forderte die Armee erstmals seit Mitte Oktober wieder die gesamte Bevölkerung von Gaza-Stadt auf, in südliche Richtung abzuziehen. Zwei Fluchtrouten in das südlich gelegene Deir al-Balah wurden auf tausendfach abgeworfenen Flugblättern angezeigt. In Erwartung eines umgehend folgenden israelischen Einmarsches nach Gaza-Stadt machten sich bereits zu Mittag zehntausende Familien auf den Weg. Meist ohne zu wissen, ob es in Deir al-Balah genügend Lebensmittel oder Schlafplätze gibt. Viele der einst 650.000 Bewohner der größten Stadt des 41 Kilometer langen Gazastreifens blieben.

Am Abend erreichten dann israelische Vorauskommandos den Stadtteil Tal al-Hawa. 30 Zivilisten seien bei den Kämpfen ums Leben gekommen, so Mahmoud Bassal, ein Sprecher des Zivilschutzes von Gaza. Auch ein Gebäude der UN-Mission für die Palästinensergebiete, UNRWA, wurde laut Augenzeugen von Raketen getroffen.

Israel: 60 Prozent aller Hamas-Kämpfer tot oder verwundet
AFP

"Gezielte Hungerkampagne"

Ein am Dienstag veröffentlichter Bericht von UN-Experten dürfte die kritische Haltung der Regierung von Benjamin Netanjahu gegenüber der Arbeit der Vereinten Nationen in Gaza noch verstärken. Demnach wurde die humanitäre Krise für die über zwei Millionen Palästinenser im Kriegsgebiet bewusst herbeigeführt.

"Israels vorsätzliche und gezielte Hungerkampagne gegen das palästinensische Volk ist eine Form von völkermörderischer Gewalt und hat zu einer Hungersnot in ganz Gaza geführt", so der brisante Text. Den Hungertod eines sechs Monate alten Babys und einer 13-Jährigen in dem Deir-Al-Balah-Krankenhaus in Süd-Gaza sehen die Fachleute als einen von vielen Beweisen, dass nun im gesamten Gazastreifen gehungert wird. Ein palästinensischer Flüchtling bestätigt dem STANDARD am Telefon den täglichen Mangel an Nahrungsmitteln. Aus Angst vor den israelischen Behörden möchte der 27-Jährige seinen Namen nicht veröffentlicht sehen. "Manchmal essen wir für mehrere Tage nicht. Aber vor allem der Mangel an Trinkwasser schwächt sehr."

Palästinenserinnen und Palästinenser in Jabalia versuchen, Essen zu bekommen. UN-Experten sprechen von einer "vorsätzlichen und gezielten Hungerkampagne gegen das palästinensische Volk".
REUTERS/Mahmoud Issa

Doch das im UN-Bericht geforderte Ende der israelischen "Belagerung des Gazastreifens" und eine Ausweitung der Lieferungen humanitärer Güter per Lastwagen ist kurzfristig nicht in Sicht.

Verhandlungen in Doha

Die Verhandlungsdelegationen der israelischen Regierung und der Hamas trafen am Mittwoch im katarischen Doha ein. Zunächst verbreiteten vor allem die Vermittler aus Washington vorsichtigen Optimismus, da die Hamas-Führung offenbar von ihrer Forderung nach einem zeitlich unbegrenzten Waffenstillstand abgerückt ist. Nach dem zeitlich begrenzten Schweigen der Waffen soll nun über ein Kriegsende weiterverhandelt werden.

Doch Premier Netanjahu machte in dieser Woche erneut klar, dass für ihn der Krieg nur nach der völligen Zerschlagung der Hamas beendet werden kann. Immerhin seien 60 Prozent der Hamas-Kämpfer ja bereits getötet worden, schätzte Armeechef Joav Galant vor Parlamentariern und fordert statt eines Endloskrieges politische Alternativen zur Hamas-Herrschaft in Gaza. Doch Netanjahu weigert sich, trotz der wieder täglich in Tel Aviv stattfindenden Straßenproteste für einen Waffenstillstand, einen politischen Plan für ein Nachkriegsszenario vorzulegen.

Der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes Shin Bet hat dafür eine einfache Erklärung. "Netanjahu will einen endlosen Krieg, um an der Macht zu bleiben und nicht auf einer Anklagebank zu landen", sagte Amy Ayalon der Moderatorin Christiane Amanpour Ende Juni. "Wir müssen den Krieg und die Besatzung beenden, für unsere Sicherheit", so Ayalon. Das Wiederauftauchen von Hamas-Kämpfern in Gaza-Stadt ist für ihn der Beweis für seine Einschätzung, dass die Hamas nicht ausschließlich mit militärischen Mitteln besiegt werden könne. Auf sozialen Medien kursieren undatierte Videos, auf denen Hamas-Kämpfer Straßenzüge von Gaza-Stadt verminen, die schon vor Monaten von der israelischen Armee erobert worden waren.

Uneinigkeit in der Hamas-Führung

Aber auch innerhalb der Hamas-Führung scheint es Meinungsverschiedenheiten zu geben. Mit den Waffenstillstandsverhandlungen vertraute Palästinenser bestätigen dem STANDARD, was die Zeitung Times of Israel bereits vor einer Woche schrieb. Demnach will der im Exil in Katar lebende Führungszirkel der Hamas möglichst viele in Israel zu langen Haftstrafen verurteilte Hamas-Aktivisten in Freiheit sehen, auch auf Kosten eines langen Krieges. Die in Gaza kämpfenden Kommandanten sollen hingegen aufgrund der katastrophalen Versorgungslage für die Zivilbevölkerung auf ein schnelles Ende des Krieges drängen.

Laut der Washington Post haben sich die Verhandlungsdelegationen am Donnerstag prinzipiell auf eine Übergangsregierung geeinigt, die in einer zweiten Phase des Waffenstillstandsabkommens die Verantwortung in Gaza übernehmen soll. Doch für deren Sicherheit soll ausgerechnet die Autonomiebehörde in Ramallah garantieren, der politische Rivale der Hamas. (Mirco Keilberth aus Jerusalem, 11.7.2024)