Softwareentwicklung, die der breiteren Öffentlichkeit zugutekommt, die Wissen und technische Möglichkeiten teilt, anstatt sie geheimzuhalten: Dieser Idee haben sich jene verschrieben, die den Quellcode ihrer Programme als "Open Source" veröffentlichen – so, dass ihn alle einsehen und weiternutzen können. Eine Idee, die sich auch von der aktuell ziemlich unerfreulichen Wetterlage in Wien nicht abhalten lässt: Am Montag wurde der jährlich von der Linux Foundation veranstaltete Open Source Summit Europe im Austria Center Vienna eröffnet.
Mehrere Tausend Entwicklerinnen und Entwickler kommen von Montag bis Mittwoch zusammen, um in unzähligen Vorträgen und Diskussionen die Zukunft zahlreicher freier Softwareprojekte voranzutreiben. Wie es sich für die Vielfalt der Open-Source-Welt gehört, versteht sich das Ganze als eine Art Dachveranstaltung für eine Fülle unterschiedlicher Konferenzen. So findet etwa die Linux Plumber's Conference statt, in der über neue Technologien rund um das freie Betriebssystem debattiert wird, auch einen eigenen Linux Security Summit gibt es.
Linux im Zentrum
Das Vorzeigeprojekt der Open-Source-Welt ist freilich der Linux-Kernel selbst. "Erfunden" wurde die Software vom in Finnland geborenen Softwareentwickler Linus Torvalds, der auch bis heute die Letztverantwortung darüber hat, was alles in den Kernel einfließt – und beim Open Source Summit natürlich nicht fehlen durfte. In einem von solchen Events schon gewohnten Frage-und-Antwort-Format stand er seinem langjährigen Mitstreiter Dirk Hohndel Rede.
Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Torvalds nun an Linux, da ist die Frage nach einem Nachfolger nicht ganz verwegen. Torvalds sieht dafür aber keine Notwendigkeit, ihm macht das Ganze nämlich weiterhin Spaß. Er habe gerade noch hinter der Bühne Patches für die kommende Generation des Kernels aufgenommen, verriet Hohndel, der selbst Leiter der Open-Source-Abteilung des US-Mobilfunkers Verizon ist.
Sollte die Zeit aber einmal kommen, würde sich fraglos eine passende Person finden, ist Torvalds jedenfalls überzeugt. Die Auswahl sei dabei groß: An jeder einzelnen Version des Kernels würden weltweit mehr als 1000 Menschen mitarbeiten – darunter viele, die schon lange dabei sind, aber auch zahlreiche Entwicklerinnen und Entwickler, die noch relativ neu hinzugekommen sind.
Entwicklungszyklen
Nur wenige Stunden vor der Konferenz hatte der Linux-Erfinder eine neue Version der eigenen Software veröffentlicht – Linux 6.11. Für Torvalds ist so ein Release ein wenig aufregender Akt, wie er betont. Der gesamte Prozess folge seit gut 15 Jahren einem sehr stabilen Rhythmus, alle rund neun Wochen gibt es eine neue Version. Die viel spannendere Zeit sei für ihn die jetzige Phase, die direkt nach einem Release, wenn es darum geht, neue Funktionen aufzunehmen – oder eben auch nicht.
Dieser Prozess kann manchmal schneller gehen – und manchmal auch nicht. Ein besonders prägnantes Beispiel sind die Patches für die Echtzeitfähigkeiten von Linux. Diese würden nun endlich in den offiziellen Kernel einfließen, das nach rund 20 Jahren Entwicklung. Der Grund dafür ist ein simpler: So etwas durchdringt sämtliche Systeme des riesigen Codes des Projekts und hat damit auch umfassende Auswirkungen, die beachtet werden müssen.
Der Rust-Streit
Ein aktuell heiß diskutiertes Thema in der Linux-Welt ist die Nutzung der auch bei anderen Projekten boomenden Programmiersprache Rust. Diese bietet im Vergleich zum sonst vom Kernel verwendeten C deutliche Sicherheitsvorteile, ohne aber negative Auswirkungen auf die Performance zu haben. Und doch hat das zu einem veritablen Streit in der Community geführt. Einer der Rust-Maintainer für den Kernel hat sich gerade erst zurückgezogen – zu viel sinnlose Diskussion war der von ihm resignierend gelieferte Grund für diesen Schritt.
Torvalds versteht in der Diskussion beide Seiten, Rust mache auch Änderungen an bestehenden Komponenten notwendig, das gefalle den bestehenden Maintainern oft nicht. Er selbst begrüße das Unterfangen zwar explizit, sei aber auch generell keiner, der ein Problem mit "lebhaften" Diskussionen habe. Positiv steht Torvalds auch ganz neuen Projekten gegenüber, die versuchen, einen Kernel für spezielle Aufgaben von Grund auf in Rust zu schreiben – gerade für den Embedded-Bereich sei das durchaus interessant. Für die große Masse werde so etwas Linux aber vorerst eher nicht ablösen, zu viel Entwicklungszeit stecke in dem Projekt – und vor allem auch ein massiver Erfolg.
Welteroberung: erreicht
"Linux ist überall", betonen Hohndel und Torvalds gemeinsam. Früher haben man Witze über die "Welteroberung" des Projekts gemacht, mittlerweile sei diese längst erreicht, so der Linux-Erfinder. Dem ist tatsächlich schwer zu widersprechen: Linux bildet nicht nur die Basis für Android, sondern auch für jene Linux-Rechner, die die Internet-Infrastruktur zu guten Teilen zusammenhalten.
Dazu kommen all die Orte, die der breiten Masse gar nicht bewusst sind. Wer etwa ein iPhone hat, der nutzt ebenfalls Linux, wie Hohndel betont. Läuft doch das Modem, das für Datenübertragung und Telefonie bei Apple-Smartphones zuständig ist, auf dem freien Betriebssystem. Ähnliche Beispiele gibt es bei anderen Bereichen zuhauf.
Noch eine Randbemerkung: Es ist übrigens Torvalds erster Besuch in Wien. Einen, den er sich allerdings anders vorgestellt hat, wie er im Zwiegespräch scherzte. Seine Tochter habe ihm vor ein paar Monaten noch wunderschöne Fotos der Stadt geschickt, davon ist derzeit recht wenig zu sehen.
Neuankündigungen
Passend zum Summit hatte die das Event tragende Linux Foundation auch einige Neuankündigungen zu bieten. Dazu gehört eine neue Open Search Foundation, die die Kooperation in den Bereichen Suche und Analytics fördern soll. Dabei beginnt man allerdings nicht von null, Open Search wurde seit 2021 unter dem Dach von Amazon AWS entwickelt, künftig soll die Linux Foundation eine neutrale Trägerrolle übernehmen. Open Search hat mehr als 200 Projekt-Maintainer und wurde seit seinen Anfängen 700-Millionen-Mal heruntergeladen.
Eine wichtige Frage bei jeder Software – und freier damit auch – ist der Schutz vor potenziellen Patentklagen. Gemeinsam mit der Cloud Native Computing Foundation (CNCF) geht die Linux Foundation nun eine stärkere Partnerschaft mit Unified Patents ein. Das Ziel ist es, Open-Source-Software besser vor sogenannten Patenttrollen zu schützen, die brach liegende Patente aufkaufen, um dann darauf zu hoffen, sie über Klagen zu Geld machen zu können. Der aktuelle Schritt soll dabei helfen, solche Bedrohungen früher zu erkennen und bekämpfen zu können.
Sponsoren
So gemeinschaftlich das Konzept von freier Softwareentwicklung auch sein mag, das bedeutet nicht, dass große Firmen damit nichts zu tun haben wollen. Längst haben IT-Giganten wie Google oder Microsoft die Vorteile von Open Source erkannt und nutzen diese in vielen ihrer Projekte und der eigenen Infrastruktur. Entsprechend zählen diese beiden Firmen denn auch zu den zentralen Sponsoren der Veranstaltung, aber auch andere bekannte Namen wie Intel oder Amazon AWS finden sich auf der Liste. (Andreas Proschofsky, 16.9.2024)