Es ist Ende November 2024, als Martin Held endgültig in Russland angekommen zu sein scheint: Der aus Österreich stammende Mann spricht auf einer Pressekonferenz der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass, neben ihm sitzt die Duma-Abgeordnete Martina Butina, die in den USA als ausländische Agentin in Haft saß. Held sagt: "Ich bin kein Fremder mehr, ich fühle mich wie ein Russe". Er sei dankbar, dass "Maria" ihn eingeladen habe.
Gemeinsam stellen sie die Organisation "Willkommen in Russland" vor. Sie wollen Menschen im Ausland dazu bewegen, nach Russland auszuwandern. Am Abend zuvor wurde Held im Privatfernsehen dazu interviewt. Der 52-jährige IT-Unternehmer wird als erfolgreicher Geschäftsmann präsentiert. Ganz ohne Gewinnabsicht habe er die Plattform "Moya Rossiya" – "Mein Russland" – geschaffen. Auf der finden potenzielle Rückkehrer und Zuwanderer alle Informationen, um sich in Russland zurechtzufinden.
45 Millionen Rubel
Recherchen lassen nun an der Darstellung Helds als gemeinnützigem Wohltäter zweifeln: Kontoauszüge, die dem STANDARD und dem russischen Exil-Medium iStories vorliegen, legen nahe, dass Helds Unternehmen vom staatlichen russischen TV-Unternehmen Novosti bezahlt wurde. Insgesamt sind Überweisungen im Wert von 45 Millionen Rubel nachvollziehbar, die Held über seine Firma vom Propaganda-Apparat des Kreml erhalten haben soll. Das entspricht nach dem heutigen Wechselkurs fast einer halben Million Euro.
In seinem Telegram-Kanal "Stimme aus Russland" rechtfertigt Held den russischen Einmarsch in die Ukraine mit ähnlichen Worten wie Russlands Präsident Wladimir Putin. Der Krieg sei gar kein "Krieg", Russland wolle nur in der Ukraine lebende Landsleute "vor Nationalisten" retten. In der Ukraine hätten sich US-amerikanische Biowaffenlabore befunden.
Haus in Wiener Neustadt
Held spielt laut Experten eine Schlüsselrolle in Russlands Propaganda-Kanon innerhalb der EU, auch weil sich seine angebliche Geschichte propagandistisch nutzen lässt. Er inszeniert sich als Österreicher, der immer wieder betont, wie schrecklich es sei, im Westen zu leben. "Ich lebe in Russland, ich habe meine Firma in Russland", erzählte er Ende 2022 einem prorussischen Videoblogger. Mittlerweile hat Held die russische Staatsbürgerschaft angenommen.
Ganz so schlecht dürfte es ihm in Österreich dann doch nicht gefallen: Privat plant seine Familie offenbar, sich langfristig in Niederösterreich zu verankern. Dem STANDARD und iStories liegt der Kaufvertrag für ein Wohnhaus in Wiener Neustadt vor, abgeschlossen erst im April 2024. Für knapp 500.000 Euro hat Martin Helds Ehefrau, sie ist selbst Russin, hier ein Wohnhaus erworben. Die Kinder des Paars gehen in Österreich zur Schule. Laut Melderegister hatte Martin Held an der vor kurzem erworbenen Adresse in Wiener Neustadt seinen zuletzt gemeldeten Hauptwohnsitz – zu einem Zeitpunkt, als er seine Botschaften längst als "Stimme aus Russland" auf Telegram verbreitet hat. Auf Anfrage teilt er mit, er sei nur gelegentlich für einige Tage zu Besuch im Land und melde sich danach jedes Mal wieder ab.
Offenbar bewohnt
Etwas versteckt liegt das Haus der Familie in Wiener Neustadt, umringt von Bäumen und von einer viel befahrenen Straße nach hinten versetzt. Als DER STANDARD klingelt, um mit Held über die Zahlungsflüsse aus Russland zu sprechen, öffnet sich das Gartentor und ein schwarzer Tesla mit Salzburger Kennzeichen fährt hinein. Am Steuer sitzt die Frau Helds. Ihr Mann wohne zwar hier, sei aber nicht zu sprechen, sagt sie und schließt das mit einer Kamera überwachte Tor hinter sich.
Am Briefkasten der Familie klebt auch ein mit Tixo angebrachtes Schild der Firma "Fancy Nerds". Laut Firmenbuch wird sie von Martin Helds Frau geführt. Held sagte dem STANDARD, seit dem Ausbruch des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine im März 2022 unterhalte die österreichische Firma keinerlei Geschäftsbeziehungen oder Geldflüsse von oder nach Russland.
Eine russische Firma Martin Helds mit demselben Namen erhielt laut den Kontoauszügen die Rubel-Millionen aus Russland. Absender des Geldes war TV Novosti, ein staatlicher russischer TV-Konzern, zu dem auch der von der EU verbotene Propagandakanal Russia Today (RT) gehört. Held sagte dem STANDARD, dies entspreche in keiner Weise den Tatsachen. Welche Gegenleistung TV Novosti erhalten haben soll, geht aus den Zahlungsdaten nicht hervor. Aber aus Helds Firmengeflecht wurden Internetdomains registriert, über die Inhalte von RT bis heute abgerufen werden können.
Unter diesen Domains erreichbare Seiten sind demnach Teil einer russischen Strategie, die Inhalte und Vorgehensweisen von RT trotz dessen Verbot weiterzuverbreiten – und somit die Wirkung westlicher Sanktionen zu untergraben. Auf einer deutschsprachigen Website, die aus Helds Firmengeflecht betrieben wird, hieß es 2022: Dass die EU russische TV-Kanäle wie RT sperre, behindere eine "unabhängige Meinungsbildung". Ganz offen präsentierte die Website eine Lösung: "Wir streamen für Euch kostenlos viele der gesperrten TV-Kanäle."
Weitere Verträge
Russland dürfte mit der Arbeit Helds zufrieden gewesen sein: Die vorliegenden Zahlungsflüsse zeigen, dass der offenbar erste Vertrag aus dem Jahr 2022 stammt. Ein Jahr später soll es zu einem weiteren Vertrag mit "Fancy Nerds" in Russland gekommen sein: 1,7 Millionen Rubel überwies TV Novosti demnach Helds Firma nun monatlich, zu diesem Zeitpunkt etwa 18.800 Euro. Und seit Abschluss eines dritten Vertrags im Februar 2024 müssten im Monat mehr als zwei Millionen Rubel in die Kassen der Firma von Held geflossen sein.
Held soll sich aber sogar noch näher am Kreml bewegen: ÖVP-Sprecher Gerald Fleischmann stellt ihn in seinem im vergangenen Jahr erschienen Buch über Desinformation in die Nähe einer russischen Organisation, die Personen für nachrichtendienstliche Zwecke rekrutieren soll und von der EU sanktioniert ist. Held sagt, dass weder er noch seine Unternehmen Kontakte zu dieser Organisation unterhielten.
Geld, das Helds Firma laut der vorliegenden Dokumente von der russischen Staatsagentur TV Novosti erhalten haben soll, könnte auch in das russische Propagandanetzwerk in Europa geflossen sein: etwa an die Influencerin Alina Lipp. Die Deutsch-Russin berichtet seit 2021 aus der von Russland besetzten Ostukraine und verbreitet Propaganda für das deutschsprachige Publikum. So leugnete sie etwa das russische Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung in Butscha mit mehr als 400 Toten. Der Bayerische Verfassungsschutz nennt Lipp "Pro-Putin-Propagandistin".
Von November 2023 bis Jänner 2024 überwies die russische "Fancy Nerds" Lipp insgesamt umgerechnet rund 6000 Euro als "Gehalt". Lipp bestätigte die Zahlungen auf Nachfrage. Es sei schwierig, wegen der Sanktionen Geld von ihren Unterstützern in Europa zu bekommen. Deshalb gingen die Spenden in Euro an Held und er habe ihr Rubel überwiesen, gibt Lipp an. Held hingegen antwortete dem STANDARD: "Ein derartiger Vorgang hat in keinem Fall stattgefunden." (Daniel Laufer, Laurin Lorenz, Hannes Munzinger, 13.3.2025)