Dimitri Erochin ist ein fleißiger Mann. Die Publikationsliste des jungen Wissenschafters ist lang. Er forscht zu "Künstlicher Intelligenz im Desinformationsmanagement", analysiert Gefühle in Youtube-Kommentaren oder befasst sich mit den Dynamiken von Klimawandel-Narrativen. Angestellt ist der 27-jährige Russe am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse mit Sitz in Schloss Laxenburg bei Wien. Das Institut wurde im Kalten Krieg gegründet, um im Bereich der Wissenschaft Verständigung zwischen dem Westen und den Ostblockstaaten zu schaffen.
Während Erochin dort über Desinformation forscht, arbeitet er nebenbei mit einer Organisation zusammen, die ausgerechnet Desinformation aus Russland fördert und finanziert: der "Stiftung für die Unterstützung und den Schutz der Rechte von im Ausland lebenden Landsleuten", meist "Pravfond" genannt.
"Verbreitung von Propaganda"
Offiziell unterstützt Pravfond im Ausland lebende russische Staatsbürger mit Rechtshilfe. Laut europäischen Geheimdiensten ist die Stiftung aber eine von Spionen durchsetzte Organisation. DER STANDARD konnte im vergangenen Jahr mit internationalen Partnermedien enthüllen, dass Pravfond die Strafverteidigung des russischen Agenten und Mörders Wadim Krassikow in Berlin finanziert hatte. Zuvor hatte die Europäische Union die Stiftung sanktioniert. DER STANDARD und internationale Medienpartner konnten nun viele Zehntausend E-Mails aus dem Inneren der Stiftung auswerten. Sie zeigen: Ihre Arbeit geht unvermindert weiter.
Aus dem deutschen Außenministerium heißt es, Pravfond sei mit dem Ziel gegründet worden, "neben der Rechtshilfe für im Ausland lebende Personen auch Narrative der russischen Regierung unter diesen zu verbreiten". Die Stiftung diene "der Verbreitung von Propaganda und Desinformation". Die EU begründete ihre Sanktionen damit, dass Pravfond die Propagandabotschaften des Kreml über die Ukraine unterstütze und auf "Instabilität und Spaltung in vielen Nachbarstaaten Russlands" ziele.
Dimitri Erochin wurde 2022 Vorsitzender eines Vereins, der die "Förderung der kulturellen, rechtlichen und allgemein menschlichen Werte" im Namen trägt, mit Sitz am Wiener Brahmsplatz – an der gleichen Adresse wie das russische Kulturinstitut. Erochin nutzte diesen Verein, um eine Anlaufstelle für Rechtshilfe für die russische Diaspora in Österreich zu betreiben. Im Mai 2023 veranstaltete der Verein eine Gedenkversammlung zur Feier des Kriegsendes 1945 auf dem Schwarzenbergplatz.
"Brückenköpfe" der Dienste
Politische Einflussarbeit mit vermeintlichen Kulturvereinen zu tarnen ist ein Muster, das Pravfond in ganz Europa und darüber hinaus betreibt. Oft gibt es eine zentrale Person, die Vereinsstrukturen oder Online-Plattformen unterhält und dafür von der russischen Stiftung bezahlt wird. Ein europäischer Geheimdienst bezeichnet diese Personen als "Brückenköpfe" der russischen Geheimdienste.
Die menschlichen Brückenköpfe seien Helfer, auf die Moskau zurückgreifen kann, die aber nicht offiziell als Agenten oder Mitarbeiter tätig sind. Die Aushilfsagenten lancierten Propaganda, knüpften Kontakte und fungierten als Talentsucher und Vermittler zwischen russischen Nachrichtendienstlern und der Pro-Putin-Diaspora im Ausland, sagt ein europäischer Geheimdienst. Sie seien vertrauliche Kontaktpersonen, die dabei aber darauf achteten, "dass sie sich im Rahmen der Gesetze des Landes bewegen", in dem sie wohnen. In Österreich etwa sind das Verbreiten von Propaganda und Versuche der politischen Einflussnahme im Interesse eines Nachrichtendiensts nicht strafbar, wenn sie nicht zum Nachteil der Republik erfolgen.
Das Netzwerk der Brückenköpfe erstreckt sich nicht nur über die Europäische Union, sondern auch über die ehemaligen Sowjetrepubliken, Zentralasien, Australien, Asien und Nordamerika.
Als Brückenkopf in den USA galt beispielsweise die Leiterin des Russischen Zentrums in New York City, die unter dem falschen Namen Elena Branson agierte und 2022 als "unregistrierte Agentin einer fremden Regierung" angeklagt wurde – und zuvor nach Moskau flüchtete. In Dänemark wurde im vergangenen Jahr nach Medienberichterstattung über Pravfond ebenfalls eine mutmaßliche Spionin kurzfristig festgenommen, die in der russischen Diaspora in Dänemark vernetzt gewesen sein soll.
Die Sprecherin des estnischen Inlandsgeheimdiensts Kapo, Marta Tuul, nennt Pravfond "eine Erweiterung der russischen Geheimdienste", die Kontrolle und Steuerung der russischsprachigen Diaspora ermöglicht. Es sei wichtig zu verstehen, so Tuul, dass "Russland sich nicht wirklich um russischsprachige Menschen im Ausland kümmert, sondern sie als Werkzeuge für seine Einflussoperationen benutzt – mit anderen Worten, als Mittel für nichtmilitärische Operationen."
Geldflüsse
Interne E-Mails von Pravfond, die DER STANDARD auswerten konnte, legen nahe, dass Dimitri Erochin auch noch Geld von der Stiftung bekam, nachdem diese im Juni 2023 sanktioniert worden war. Schon zuvor, im Jänner 2023, hatte er an Pravfond geschrieben, dass es schwierig sei, in Österreich ein Konto für diesen Zweck zu eröffnen. Nicht alle Banken seien dazu bereit, wenn eine Organisation Förderung aus Russland erhalte.
"Dima, guten Tag!", antwortete ein Vertreter von Pravfond. "Du solltest darüber nachdenken, ein Konto in Russland zu eröffnen (diese Praxis existiert) oder das Geld an einen Österreicher zu senden (eine Vertrauensperson, ein Mitglied deines Vereins)." Wenige Tage später schrieb Erochin, dass er offenbar eine andere Lösung gefunden habe: "Die Botschaft arbeitet an der Möglichkeit, die Gelder durch sich selbst zu transferieren." Ob es dazu kam, ist aus den Unterlagen nicht zu erkennen.
Es ist aber davon auszugehen, dass sie einen Weg für den Geldtransfer fanden. Denn Erochin unterzeichnete im März 2024, lange nach den Sanktionen gegen Pravfond, einen Vertrag, in dem ihm die Stiftung etwa 40.000 Euro in zwei Tranchen zusprach, um "die Arbeit des Rechtshilfezentrums fortzusetzen und in Österreich lebende Landsleute zu unterstützen". Erochin bestätigte später den Eingang einer ersten Zahlung über zwei Millionen Rubel, etwa 20.000 Euro. Das Geld floss aber nicht direkt nach Österreich, sondern auf sein Konto bei der Sberbank in Russland. Ob und wie er es von dort nach Österreich brachte, wollte Erochin nicht beantworten. Er reagierte auf eine umfassende Anfrage nicht. Im Juni 2024 hat sich der Verein laut Vereinsregisterauszug aber freiwillig aufgelöst. (Hannes Munzinger, Elisa Simantke, 21.5.2025)