Eine Illustration auf der ausgestreckte Hände zu sehen sind, die einem evangelikalen Sänger sinnlich zujubeln.
Sinnliche Konzerte sind auch bei der tief religiösen Jugendbewegung Shine ein verbindendes Element.
derStandard/Karner

"Break out", heißt es da riesengroß in grellem Lila. Gefolgt von dem Slogan: "Community Fun Family Action". Geworben wird mit "9 Tracks", darunter Liveacts, Big Questions, Extreme sowie Gospels in One Week. Und früh erworbene Tickets hören hier auf den Namen "Early Bird".

Was auf den ersten Blick an ein internationales Festival erinnert, ist eigentlich ein seit 6. Juli laufendes Sommercamp in Salzburg. Und zwar nicht irgendeines, sondern das der tiefreligiösen Jugendorganisation Shine Austria, gegründet vor etwa zehn Jahren, mit Sitz nahe dem Wiener Hauptbahnhof im zehnten Bezirk. "Wenn du hungrig bist nach mehr Jesus in deinem Leben, dann sei dabei" lautet ein Werbeaufruf für eines der Angebote des Camps, das sich an eine äußerst breite Altersgruppe richtet: nämlich 13 bis 30 Jahre.

"Soldat Gottes" und Missionierung

Dem Vernehmen nach wandten sich Eltern und Angehörige seit Jahren mehrfach wegen Shine mit Bedenken an die Bundesstelle für Sektenfragen des Kanzleramts. Unter anderem deshalb, weil Kinder im Anschluss an ein Ferienlager angeblich einen Schwur als "Soldat Gottes" ablegen mussten und angehalten wurden, in ihrer Schule für Shine zu missionieren. Zumindest Letzteres passt zum "Group"-Angebot der Organisation, das mit JesusImSchulAlltag sogar einen eigenen Hashtag führt. Der Schwur ist Shine auf Nachfrage des STANDARD "nicht bekannt".

Es sind allerdings Schilderungen wie diese, die Ulrike Schiesser Sorgen bereiten. Schiesser ist Chefin der Bundessektenstelle. Im aktuellen Tätigkeitsbericht wurde den Sommercamps religiöser Anbieter diesmal sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Das Fazit: Der private Markt der Camps gleicht allgemein dem Wilden Westen. "Für jedes Feuerwehrfest braucht es mehr Genehmigungen als für die Kinderbetreuung", kritisiert Schiesser.

"Nicht alles ist katholisch"

Konzepte für Pädagogik und Kinderschutz sind für Ferienlager laut Erkenntnissen der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien nicht verpflichtend. Einheitliche Standards für die Betreuung der Kinder gebe es nicht. Besondere Ausbildungen und Schulungen müssten Betreuerinnen und Betreuer ebenso wenig vorweisen.

Genau in dieser Lücke wittern religiös-fundamentale Anbieter offenbar eine Chance. "Das ist kein neutrales Ferienangebot", sagt Schiesser. "Im Zentrum steht die Stärkung des Glaubens, was an sich völlig legitim ist, zum Problem wird es dann, wenn die Ideologie über allem steht, auch über dem Kinderschutz." Dazu zählt eine adäquate Ausbildung für Betreuer. Schulungen würden sie aber oft nur im religiösen Umfeld machen, klagt Schiesser. Mangelnde Qualitätssicherung der Kinderbetreuung werde meist mit dem Argument kaschiert, dass man seit Jahren in der Gemeinde mit Jugendlichen arbeite.

Und Eltern seien hinsichtlich der Angebote "oft naiv". Viele würden erst im Nachhinein erkennen, welche Werte bei den cool inszenierten Camps vermittelt werden: "Nicht alles, was christlich wirkt, ist katholisch", führt die Chefin der Sektenstelle aus. Soll heißen: Es geht noch konservativer, missionarischer.

Die Abgeordnete Barbara Neßler von den Grünen bei einer Rede im Parlament.
Die Jugendsprecherin der Grünen, Barbara Neßler, fordert verpflichtende Kinderschutzkonzepte und einheitliche Regeln für Sommercamps.
APA/HELMUT FOHRINGER

Nun, wie läuft das bei Shine ab? Der Leiter der Sommercamps, Paul Austerhuber, ist mit sich im Reinen. Austerhuber, Absolvent einer kaufmännischen Ausbildung, hat sich laut eigenen Angaben bei der Evangelischen Jugend zum Trainer zur Prävention von (sexueller) Gewalt ausbilden lassen, antwortete er dem STANDARD per E-Mail. Laut Website ist das ein dreitägiger Kurs, für den es keine pädagogische Vorbildung braucht. Ein Empfehlungsschreiben des Diözesenjugendreferenten reicht aus.

Seither bietet Austerhuber selbst Schulungen für die ehrenamtlichen Mitarbeiter an der Campbase an der HTL Saalfelden in Salzburg an. Der Kurs sei mit Ecpat entwickelt worden, erklärt er, einer Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Rechte von Kindern.

Ecpat allerdings weist die Behauptung Austerhubers im STANDARD-Gespräch zurück. Die Organisation habe nichts mit ihm zu tun gehabt.

Beim Camp selbst arbeiten vor allem Haupt- und Ehrenamtliche. Aber "unter anderem auch zwei ausgebildete Sozialarbeiterinnen", schreibt Austerhuber. Eine Schulung zur Gewaltprävention sei für alle verpflichtend. Zudem seien Rettungssanitäter vor Ort.

Ausweichen auf andere

Wie viele Kinder und Jugendliche an dem Camp teilnehmen, verrät Shine nicht: "Die Teilnehmerzahlen variieren." Feste Mitgliedschaften gebe es nicht, es kämen Menschen aus "unterschiedlichen Kirchen". Zur Altersspanne 13 bis 30 sagt Austerhuber: Es gebe "unterschiedliche Angebote, die für die unterschiedlichen Altersgruppen angemessen sind".

Ein pädagogisches Konzept legt Austerhuber auf Nachfrage des STANDARD nicht vor. Hinsichtlich Kinder- und Jugendschutz verweist er auf eine Standardordnung der Freikirchen Österreich, in Sachen Gewaltschutz auf einen kurzen Abriss der Evangelischen Jugend – Organisationen, mit denen Shine zusammenarbeitet. Selbiges geschieht bei der Frage nach einer Ombudsstelle von Shine, die im Bericht der Sektenstelle gefordert wird, um Kindern, Eltern und Betreuenden eine anonyme Beschwerdemöglichkeit zu ermöglichen.

Auch sonst geht Austerhuber nicht tief ins Detail. Eine laufende interne Evaluierung des Anbieters, wie Schiesser sie fordert, "ist gegeben". Die verpflichtende Vorlage einer Strafregisterbescheinigung für alle Betreuenden werde "so umgesetzt", wie sie die Sektenstelle in ihrem Bericht empfiehlt. Nachvollziehen lässt sich das von außen nicht.

"Gottes Liebe gilt jedem" – wirklich?

Nach Kursinhalten des Camps gefragt, verweist Austerhuber auf einen Youtube-Kanal. Dort finden sich Videos, in denen Protagonisten von ihren "Begegnungen" mit Gott berichten. Und zwar auf durchaus emotionale Weise. Etwa "Trixi", die zwei Todgeburten hatte. Sie beginnt, an Gott zu zweifeln. Erst die dritte Schwangerschaft klappt. Gott beansprucht das Kind, das nach der Geburt an einer Infektion leidet, in einem "Gespräch" angeblich für sich. Das Baby überlebt – wohl dadurch. Und "Trixi" erkennt, dass "Gott trotzdem gut ist, dass er aus alldem etwas Schönes machen durfte, das wir jetzt erleben dürfen".

Davon abgesehen – wie steht Shine eigentlich zu Homosexualität, Abtreibung und Geschlechterrollen insgesamt? "Gottes Liebe, die wir widerspiegeln möchten, gilt jedem", schreibt Austerhuber. Wirklich? Bei Profundum, einem Talkformat aus dem Netzwerk rund um Shine, das auch personelle Verflechtungen mit dem Sommercamp aufweist, tritt am 11. Juli David Bennet auf.

Bennet, Theologe und selbst homosexuell, bekennt sich in seinem Buch A War of Loves etwa zur "schwulen Identität unter der Herrschaft Christi durch ein zölibatäres, enthaltsames Leben und andere Formen der Keuschheit". Auch die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler trat bei Profundum auf. Kugler ist eine dezidierte Gegnerin von Abtreibungen und der Homoehe.

Grüne wollen Reformen, ÖVP warnt

Die Jugendsprecherin der Grünen, Barbara Neßler, hält die Erkenntnisse des Sektenberichts im STANDARD-Gespräch jedenfalls für "erschreckend". Kinder würden in privaten Sommercamps "manipuliert, isoliert und bewusst Ängsten ausgesetzt". Das könne "lebenslange Schäden" bei Kindern verursachen.

Neßler schließt sich der Sektenstelle und den Kinder- und Jugendanwaltschaften an und fordert verpflichtende Kinderschutzkonzepte und einheitliche Regeln für Sommercamps. Familienministerin Claudia Plakolm (ÖVP) kann dem zwar etwas abgewinnen, Kinder- und Jugendschutz hätten für sie "oberste Priorität". Bei Verpflichtungen müsste aber darauf Bedacht genommen werden, das meist ehrenamtliche Engagement in den Camps nicht durch "Bürokratie auszubremsen" und die Vereine der Veranstalter nicht "zu überlasten". (Jan Michael Marchart, 9.7.2025)