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Foto: AP/Joerg Sarbach
Die Spielzeugindustrie im Reich der Mitte sieht sich dabei als Opfer des von westlichen Ansprüchen verursachten Kostendrucks.

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Der Hongkonger Geschäftsmann Zhang Shuhong kontrollierte wie immer seine Spielzeugfabrik Lee Der Industrial im südchinesischen Foshan nach dem Mittagessen - auch am 11. August. Gegen halb drei Uhr nachmittags rief er noch seinen Manager an. Er fragte, ob alle Arbeiter ihren Lohn erhalten hätten. Der bejahte das. Eine halbe Stunde später entdeckte ein Arbeiter den fürsorglichen Firmenchef erhängt im Fabriklager.

Der 53-Jährige war das erste Opfer im neuen globalen Spielzeugkonflikt zwischen China und dem Rest der Welt. Seinem Geschäftspartner soll Zhang vor seinem Tod gesagt haben, er sei auf eine Mine im chinesisch-amerikanischen Handelskrieg getreten. Vom "außergewöhnlichen Tod des Spielzeughändlers" schrieb die Finanzzeitschrift Caijing.

Sein Unternehmen, das seit zehn Jahren nur für den Spielzeuggiganten Mattel produzierte, hatte verbotene Bleifarbe verwendet. Diese wurde aber zugekauft. Er hatte kein Labor zur Prüfung zur Verfügung, nach dem Auffliegen verflüchtigten sich die Repräsentanten des Zulieferers schnell.

Nach der Flut an Skandalen im Zusammenhang mit chinesischen Produkte in den USA - Futtermittel, an denen die Haustiere eingingen, mit Glykol versetzte Zahncreme, belastete Krabben, schadhafte Reifen - stand Endlieferant Zhang allein am Pranger.

China zahlt teuer dafür, dass es unter seinen 10.500 Spielzeugfabriken kein international anerkanntes Prüfsiegel durchgesetzt hat. So bringen schwarze Schafe die gesamte Branche in Verruf. Zwar stammen über 70 Prozent des weltweit verkauften Spielzeugs aus China, die meisten Hersteller arbeiten aber für ausländische Besteller. Diese geben das Design vor, liefern Material und Vorprodukte.

Wenn bei der Verarbeitung manipuliert oder betrogen wird, trägt der chinesische Hersteller Schuld. Anders verhält es sich bei der bisher größten Rückrufaktion, als Mattel Mitte August 18,2 Millionen Stück Spielwaren aus China aus dem Markt zog, an denen kleine Magneten angebracht waren. Kleinkinder hätten sie verschlucken können. Die New York Times schrieb, dass es sich "um einen Designfehler handelt, der nicht Schuld der chinesischen Hersteller ist".

Spielzeug steht im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit, weil es "der herausragende Repräsentant von 'Made in China' ist", schreibt die Fachzeitschrift China Business.

In der Küstenprovinz Guangdong, wo über 50 Prozent des Spielzeugs hergestellt wird, seien die Gewinnmargen so niedrig, dass erste Unternehmen Konkurs anmeldeten. Sie verkraften weder die Aufwertung des US-Dollar noch höhere Material- und Energiepreise und gestiegene Mindestlöhne für Billigarbeiter, die mit vier US-Dollar am Tag doppelt so teuer wie in Vietnam sind. Zudem wollten ausländische Besteller alles immer schneller und billiger haben. Margen, die in den neunziger Jahren bei 30 Prozent lagen, seien auf fünf Prozent gefallen. Das verführt zu Schlamperei und Betrug.

"Wir haben derzeit ständig Konferenzen mit anderen Herstellerregionen", bestätigt Fabrikchef He Bin im ostchinesischen Yunhe, wo eine Stadt mit 667 Fabriken von höherwertigem Holzspielzeug lebt. Obwohl Yunhe keinen Bleifarbenfall hatte, sind sie mitbetroffen. Bestellungen aus den USA gingen um zehn Prozent zurück.

Die Krise trifft inzwischen Hongkong mit seinen 5000 Spielzeugherstellern, die Fabriken im Perlflussdelta unterhalten. Hersteller räumen ein, dass Unternehmen in Südchina keine Qualitätskontrolle haben, um Geld und Zeit zu sparen. Auch Korruption sei im Spiel, wenn unsichere Produkte exportiert werden, meldete der Hongkong Standard. Chinas Behörden versprechen schärfere Kontrollen.

Der Hongkonger Zhang aber brachte ein Bauernopfer auf dem Schachbrett des Welthandels. Sich selbst. Am Beispiel Spielzeug gerät Chinas Rolle als globale Werkbank auf den Prüfstand. (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 22. August 2007)