Georg Prack: "Wenn die Grünen sich nicht als Alternative zum politischen System darstellen, dann werden sie irgendwann nicht mehr gebraucht werden."

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Wenn es bei den Grünen um das Generationenproblem und Ermüdungserscheinungen innerhalb der Partei geht, melden sich immer wieder die üblichen Verdächtigen zu Wort. Sie haben eines gemeinsam: Sie sind selbst nicht mehr die jüngsten. derStandard.at hat mit Georg Prack einen 23-jährigen Grün-Politiker gefragt, wie er die aktuelle Situation der Partei sieht. Der baldige Favoritener Bezirksrat übt im Interview scharfe Kritik an der Einschränkung der Basisdemokratie durch die Bundespartei und schlägt vor, die Führungsspitze inklusive Van der Bellen im Rotationsprinzip auszuwechseln. Die Fragen stellte Rainer Schüller.

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derStandard.at: Wo die alten Grünen sind, haben wir in den vergangenen Tagen durch verschiedene Medienberichte erfahren, aber wo sind die jungen?

Prack: Die sind in verschiedenen Basisgruppen aktiv, an einzelnen Stellen der Partei in den Bundesländern. Auf der Ebene der Landes- und Bundesparlamente fehlen sie sehr stark. Da ist keine Durchlässigkeit gegeben, da ist es für die Jungen sehr schwierig reinzukommen. Dementsprechend unterrepräsentiert sind sie.

derStandard.at: Den alten Grünen wird oft vorgeworfen, "fad" zu sein - besonders Alexander Van der Bellen. Was ist mit dem Nachwuchs? Sollte von dem nicht mehr "Drive" kommen?

Prack: Wenn Jugendliche bei den Grünen ihre Kritik öffentlich äußern, wird das oft medial nicht so wahrgenommen.

derStandard.at: Warum flammt diese Debatte um die "Ermüdungserscheinungen" eigentlich immer wieder auf?

Prack: Weil es sichtbar ist, dass sich in der Führungsebene der Grünen seit Jahren nicht viel getan hat. Die Grünen haben es einerseits versäumt, sich als Parlamentsklub, als Bundes- oder Landespartei breiter aufzustellen. Dadurch werden neue Gesichter, die es gibt, nicht gesehen.

derStandard.at: Was hindert diese Gesichter an mehr Öffentlichkeit?

Prack: Es wird gesagt, dass es medial notwendig ist, die Führungsebene auf ein paar Personen zu beschränken. Der Austausch findet nur statt, wenn die Grünen mehr Mandate bekommen - was ja nicht vorausgesetzt werden kann - oder wenn jemand aufhört. Das tun aber nur wenige.

derStandard.at: Schon vor zwei Jahren hat Marie Ringler eine "Junge Plattform bei den Grünen" angekündigt, von der war aber seither nichts mehr zu hören. Ist die Verjüngung schon wieder verjährt?

Prack: Jungsein an sich ist ja kein politisches Programm. Es bräuchte vor allem einen regelmäßigen Austausch. Mein Lieblingsmodell wäre dazu das Rotationsprinzip.

derStandard.at: Wie sollte das aussehen?

Prack: Dass man nach zwei Perioden wieder aus dem Nationalrat oder Landtag raus geht. Das gab es in den Anfängen der Grün-Bewegung schließlich schon und auch in Deutschland hat das lange funktioniert. Der Vorteil dabei war, dass die Personen weniger abhängig von ihrem Job als Politiker oder Politikerin waren.

derStandard.at: Auch der Parteichef sollte mitrotieren?

Prack: Ja. Entweder nach zwei oder drei Perioden sollte ausgesetzt werden müssen, um einen Austausch zu ermöglichen.

derStandard.at: Wie hat Ihnen das ORF-Sommergespräch mit Alexander Van der Bellen gefallen?

Prack: Ich finde es immer sehr angenehm, wie er redet. Aber es war wieder keine prononcierte Kritik. Ich habe das Gefühl, er traut sich nicht wirklich - wie andere RepräsentantInnen auch - radikal Kritik zu üben und Alternativen auf den Tisch zu legen. Wenn man zum Beispiel die Folgen des Klimawandels einschränken will, dann sind jetzt total harte Programme notwendig und da darf man sich nicht durch die Autofahrer einschränken lassen. Auch in der Bildungspolitik war er nicht hart genug. Das wäre aber notwendig, weil hier vor allem durch die starre Haltung der ÖVP bereits Jahre verschissen wurden.

derStandard.at: Wenn die Kritik von oben zu leise ist, könnte ja die Basis lauter sein. Wie basisdemokratisch sind die Grünen heute noch?

Prack: Durch diese lange Zeit, in der man in den Führungszirkeln bleibt, hat sich eine Hierarchie aufgebaut, die oft auch informell verläuft. Der Effekt ist, dass die Basisdemokratie derzeit ganz ganz schlecht funktioniert.

Am Bundeskongress in Innsbruck hat es zum Beispiel die Entscheidung gegeben, die Urabstimmung zu erschweren. Wobei ich der Bundespartei unterstelle, dass sie damals Angst hatte, dass es eine Urabstimmung zur Regierungsbeteiligung geben hätte können. Wenn man solche Instrumente abschafft, dann hat das eine gewisse Symbolik.

derStandard.at: Kann die Urform der Basisdemokratie bei einer Regierungsbeteiligung überhaupt beibehalten werden?

Prack: Es wäre zwar sehr schwierig, aber möglich wäre es schon. Aber es ist nie ein leichter Prozess, viele Leute mitbestimmen zu lassen.

derStandard.at: Sollten die Grünen überhaupt in der Regierung sein?

Prack: Derzeit sehe ich keine Notwendigkeit. Wenn man als Oppositionspartei Alternativen aufzeigt, dann kann man hier auch sehr viel bewegen. Was früher für Schwarz-Blau gilt, gilt heute für Rot-Schwarz. Es wird mir kotzübel, wenn ich mir das Fremdenrecht oder die Bildungspolitik der Regierung ansehe.

derStandard.at: Am Schluss des Sommergesprächs mit Van der Bellen zeigte der ORF eine Schildkröte, die langsam ins Wasser glitt und dann unter ging. Ein Symbol?

Prack: Ich sehe das als Gefahr: Wenn die Grünen sich nicht als Alternative zum politischen System darstellen, dann werden sie irgendwann nicht mehr gebraucht werden. Wir brauchen in Österreich neben Schwarz und Rot keine dritte Volkspartei, sondern eine, die Alternativen anbietet. (derStandard.at, 29.8.2007)