STANDARD: Wie beurteilen Sie die Lage der Alliierten im Irak?

Langton: Britische und amerikanische Streitkräfte haben es mit sehr unterschiedlichen Situationen zu tun. Die Amerikaner sind einerseits mit dem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten konfrontiert und zweitens mit dem Problem, dass Al-Kaida den sunnitischen Aufstand anheizt. Im weit gehend von Schiiten bewohnten Süden ist die Herausforderung anders. Hier geht es um unterschiedliche Milizen, die ihre Machtbasis für die Zeit nach dem Abzug der Briten festigen wollen.

STANDARD: Haben die Briten in Basra auf das falsche Pferd gesetzt?

Langton: Nach dem Sturz des Saddam-Regimes, den die Schiiten im Süden des Iraks ja begrüßten, gab es eine Notwendigkeit, die neue Sicherheitsstruktur zu schaffen. Dabei setzten die Briten auf die damals tonangebenden Kräfte. Offenbar entwickelte sich aber in Basra ein Machtvakuum. In diesem Vakuum haben sich all jene Gruppen etabliert, die nur sich selbst und ihre Machtposition im Blick haben.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die US-Sicherheitsoffensive im Großraum Bagdad?

Langton: Diese Truppenkonzentration hat in militärischer Hinsicht Wirkung gezeigt. Die Frage ist nur, wie viel das politisch bewirkt. Wenn es gelingt, dauerhaft sichere Zonen in Bagdad zu schaffen, dann besteht die Chance, die Stadt zu stabilisieren. Bagdad ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Irak.

STANDARD: Von britischen Kommandeuren hört man immer wieder, mit den Einsätzen in Irak und Afghanistan operiere die Armee ständig an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

Langton: Wir sind in zwei schwere Konflikte verwickelt, während die Bevölkerung zu Hause nicht das Gefühl hat, im Krieg zu leben. Daher genießen die Streitkräfte beim Streit ums Geld keinen Vorrang. Dabei ist die britische Armee so stark engagiert wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Damals befanden sich zehn Prozent der Armee im Auslandseinsatz, heute sind es 20 Prozent. Indirekt sind dadurch mehr als die Hälfte aller Soldaten gebunden.

STANDARD: Rühren aus dieser Stresssituation der Armee die Rufe nach einem größerem Engagement der Verbündeten in Afghanistan, insbesondere der Deutschen?

Langton: Die Nato muss die Einsätze von Leuten aus 37 Ländern koordinieren. In einem normalen Militäreinsatz setzt der Kommandeur seine Truppen flexibel ein. Das ist wegen der vielen nationalen Vorbehalte nicht möglich. Meinem Eindruck nach wird die Position der Deutschen vor Ort aber genau verstanden.

STANDARD: Wie lang wird der britische Afghanistaneinsatz dauern? Der Armeechef spricht von einer Generation, der Botschafter in Afghanistan von Jahrzehnten. Ist das nicht kontraproduktiv.

Langton: Im Gegenteil: Genau dies sollten die Verantwortlichen sagen. Sobald Sie öffentlich Schwäche signalisieren, müssen Sie mit mehr Opfern rechnen. Wenn in einem Land über die Fortsetzung des Einsatzes in Afghanistan abgestimmt wird, kommen die Truppen dieses Staates im Vorfeld der Abstimmung unter Beschuss. Da handeln die Taliban nach dem Lehrbuch jeder Militärausbildung.

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Zur Person Oberst Langton war 32 Jahre bei der britischen Armee und arbeitet seit 2001 am International Institute for Strategic Studies in London. (Sebastian Borger/DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2007)