Ungefähr so: Ich sage, dass die türkischen Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg ein Genozid sind, aber ich sage auch, dass ich das nur gesagt habe, weil es im Moment eben leider nicht anders geht. Das heißt jedoch nicht etwa, dass ich der Meinung bin, dass die türkischen Massaker an den Armeniern von 1915 kein Genozid sind. Ich sage es jedoch aus politischen Gründen ungern. Deshalb entschuldige ich mich, dass ich es gesagt habe.

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. So ungefähr könnte man den Kurs zusammenfassen, den Abraham H. Foxman, Direktor der amerikanisch-jüdischen Anti-Defamation League (ADL), zuletzt in der Armenierfrage gefahren ist:

Foxman feuert zuerst einen ADL-Regionaldirektor, weil dieser die Armenienmassaker "Genozid" nennen will. Wenige Tage später gibt ADL eine offizielle Erklärung heraus: "Die Konsequenzen dieser Aktionen (türkische Massaker und Gräueltaten an Armeniern, Anm.) kommen tatsächlich einem Genozid gleich."

Als nächsten Schritt schreibt Foxman einen Brief an den türkischen Premier: "Ich schreibe diesen Brief, um unseren Kummer darüber auszudrücken, was wir Führung und Volk der Türkei in den vergangenen Tagen angetan haben." Ein Termin des israelischen Botschafters in Ankara, Pinhas Avivi, bei (Noch-)Außenminister Abdullah Gül zuvor verlief "schrill", heißt es.

Foxman hat seinen Kritikern aber auch sehr ehrlich kommuniziert, worum es ging: "ADL, gegründet, um das jüdische Volk zu schützen, aber auch, um für Gerechtigkeit für alle zu arbeiten, befand sich im Dilemma. Wir versuchten beiden moralischen Prinzipien gerecht zu werden, aber das hat nicht funktioniert", schreibt Foxman in einem Leserbrief an die israelische Tageszeitung Ha'aretz.

Das klingt nur so, als habe sich Foxman zwischen jüdischen und armenischen Interessen entschieden - in Wahrheit entschied er zwischen jüdischen und jüdischen. Auf der einen Seite drohte eine innerjüdische Spaltung, auf der anderen die Gefährdung der jüdischen und israelischen Interessen in der Türkei. Israel hat auch mit der von der AK-Partei regierten Türkei enge Beziehungen, besonders im Sicherheitsbereich.

Die ADL kommt - wie andere jüdische Organisationen auch - mit der armenischen Frage schlecht zu Rande. Einerseits ist da der Anspruch auf die Einzigartigkeit des jüdischen Holocausts, begleitet von Angst, dass die Anerkennung anderer Genozidfälle diese verwässern (die aus der Türkei kommenden Proteste nach dem ADL-Statement sprangen sofort auf diese Schiene auf: Beleidigung der Holocaust-Opfer). Andererseits, für die meisten Historiker ist die Debatte obsolet, auch wenn man das in der Türkei anders sieht. Viele Juden plädieren für die Anerkennung der Armeniermassaker als Genozid, gerade wegen ihrer eigenen Geschichte.

Die ADL erwischte es, als sich Watertown, ein Vorort von Boston mit einem starken Armenieranteil, aus dem ADL-Programm "No Place for Hate" (Kein Raum für Hass) zurückzog, weil die ADL die Initiative eines demokratischen Abgeordneten nicht unterstützt, der im US-Kongress eine Resolution zur Anerkennung des Armenier-Genozids durchbringen will (die ADL bleibt trotz ihres Paradigmenwechsels bei der Ablehnung). Auf regionaler ADL-Ebene, unterstützt von außen, brach ein Aufstand gegen die Zentrale aus: Sie schädige die ADL-Glaubwürdigkeit.

Foxman, der zuvor Nobelpreisträger Elie Wiesel konsultierte, vollführte also die Wende. Das Lob, das er bekam, wird ihm bei den türkischen Freunden nicht weiterhelfen: "Wahrheit an erster, Politik an zweiter Stelle", konstatierte der gestrenge Harvard-Jusprofessor Alan M. Dershowitz.

In der Türkei leben 25.000 Juden - und Ankara war sich nicht zu ungeschickt zu konstatieren, dass diese nach der ADL-Erklärung nichts zu befürchten hätten. In Israel beteuert indes Präsident Shimon Peres, dass man die jüdischen Organisationen in den USA nicht kontrolliere. Das will man in Ankara aber nicht so recht glauben. Israel sei zwar nicht schuld an der ADL-Erklärung, aber es hätte sie verhindern können, soll Gül gewettert haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2007)