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Im Film "The Day After Tomorrow" wurde drastisch gezeigt, wie sich die Abkühlung auswirken könnte.

Foto: AP/Twentieth Century Fox
Die Nachricht klang einst beängstigend - und sie schien wissenschaftlich gut belegt. Europas ozeanische Fernheizung, der Nordatlantikstrom, habe nachgelassen. Neue Untersuchungen korrigieren diese Forschung.

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Die warme Strömung aus dem Süden transportiere ein Drittel weniger Wasser als 48 Jahre zuvor, berichteten Forscher um Harry Bryden vom Nationalen Zentrum für Ozeanographie in Southampton. Ein vollständiger Abbruch des Golfstrom-Ausläufers würde in Europa vermutlich zu einer deutlichen Abkühlung führen. Dieses Szenario wurde durch den Hollywood-Kinofilm "The Day After Tomorrow" auch außerhalb der Fachkreise bekannt.

Bryden verschärfte seine Warnung wenig später sogar noch. Er gab bekannt, dass die atlantische Meeresströmung, die zu dem vergleichsweise milden Klima in Westeuropa führt, im November 2004 für zehn Tage gänzlich zum Erliegen gekommen war. Daraufhin diskutierten einige Wissenschafter, wann der geeignete Zeitpunkt sei, den Regierungen zu empfehlen, Energievorräte anzulegen, um auf eine drohende Kaltzeit ausreichend vorbereitet zu sein.

Doch nun zeigt sich, dass Brydens Warnung ein Fehlalarm war. Genauere Messungen belegen, dass der Golfstrom und seine nördlichen Ausläufer keineswegs nachgelassen haben. Bryden und seine Kollegen haben ihre Analyse schlicht auf einem zu dünnen Datensatz gegründet: auf Daten, die von lediglich fünf Schiffsexpeditionen aus den Jahren 1957, 1981, 1992, 1998 und 2004 stammen.

Jetzt liegen erstmals Daten für ein gesamtes Jahr vor. Fest installierte Sonden haben die Nordatlantik-Strömung kontinuierlich vermessen. Die Daten, die im Wissenschaftsblatt Science vor Kurzem veröffentlicht worden sind (Bd. 317, S.935, 2007), zeigen, dass die nordwärts fließende Wassermenge stark schwankt. Durchschnittlich transportieren der Golfstrom und seine Ausläufer jede Sekunde etwa 19 Milliarden Liter Wasser.

Falscher Zeitpunkt

An manchen Tagen sind es allerdings auch 35 Milliarden, an anderen nur vier Milliarden Liter pro Sekunde. Der nordatlantische Strom befördert damit durchschnittlich 200-mal mehr Wasser als der Amazonas. Brydens Ergebnis - er hatte zwölf Milliarden Liter pro Sekunde ermittelt -lag also im Bereich der natürlichen Schwankungen.

"Er hat zufälligerweise zu einem Zeitpunkt gemessen, als die Strömung recht schwach war", sagt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg (MPI) und Initiator der neuen Messkampagne.

Auch die Meldung von einem vermeintlich zehntägigen Abbruch der nordatlantischen Strömung, die vor zwei Jahren kursierte, wird nun zurückgenommen: Der Stopp des Meeresflusses habe lediglich die Tiefenregionen des Atlantiks betroffen, berichten Stuart Cunningham und Torsten Kanzow vom Nationalen Ozeanografie-Zentrum in Southampton, die Hauptautoren der Studie. In höheren Schichten sei dafür umso mehr Wasser geflossen, das den Verlust kompensiert habe.

Die jüngsten Daten stammen aus einem aufwändigen System von Messgeräten, das 2004 auf dem 26. Breitengrad im Atlantik installiert worden ist. Vor der West- und der Ostküste des Ozeans misst eine Stafette von Sonden Temperatur und Salzgehalt des Wassers in unterschiedlicher Tiefe: Südlich der Kanarischen Inseln und vor den Bahamas schwimmen 20 Seile aufrecht im Wasser, an jedem hängen 24 Sonden.

Ausrangierte Eisenbahnräder und Stahlketten - jedes Teil schwerer als eine Tonne - verankern die kilometerlangen Seile auf dem Meeresgrund, Bojen sorgen für Auftrieb und straffen das Seil. Aus den Daten ermittelten die Forscher den Wasserfluss, der den Atlantik quert. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2007)