Wirft Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder "Zauberkunststücke" vor: Edelbert Köb.

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STANDARD: Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder transformiert mit den Sammlungen Batliner und Forberg die grafische Sammlung in ein "Universalmuseum". Warum haben Sie sich nicht um die Sammlungen bemüht? Sie würden doch, da das Mumok nur recht wenige Werke der Moderne hat, zu Ihrem Museum passen? Köb: Da das Mumok nicht einmal die Hälfte seiner Sammlung ausstellen kann: Was hätte ich mit der Sammlung Batliner angefangen? Obwohl es schön wäre, wenn man einige Bilder in unsere Sammlung einfügen könnte. Das Problem des Museums ist eben der fehlende Platz. Räume werden irgendwo anders geschaffen: Dort, wo man ausbauen kann. Also in der Albertina. Die Museumsentwicklung folgt dem Zufall und nicht einem Generalplan.

STANDARD: Sie wollen daher ein Mumok 21 errichten – zum Beispiel auf der Donauplatte. Die Pläne liegen aber auf Eis. Haben Sie etwas gehört von Ministerin Claudia Schmied?

Köb: Die Fragen sind: Braucht dieses Land, das sich als Kulturnation bezeichnet, ein Museum zeitgenössischer Kunst? Und verfolgt das Land überhaupt noch Sammlungsziele? Diese Fragen will sich die Ministerin von Experten beantworten lassen, bevor sie Einzelentscheidungen über die Zukunft der Museen trifft. Ich setze große Hoffnung in die Beurteilung unserer Situation und vertraue auf Schmieds Handlungsbereitschaft. STANDARD: 1923 fand die letzte große Museumsneuordnung statt: Aus der Staatsgalerie, dem bürgerlichen Gegenstück zu den kaiserlichen Sammlungen, wurde die Österreichische Galerie, aus der Albertina eine grafische Sammlung: War das eine falsche Trennung? Denn Schröder spricht von der Grafik als Achillesferse ...

Köb: Nationalmuseen wurden im 19. Jahrhundert gegründet – und die Idee war damals schon fragwürdig. Dass man sie 1923 aufgewärmt hat, war grotesk! Heute ist sie völlig überholt. Spartenmuseen hingegen sind durchaus wichtig. Die Grafik ist nicht die Achillesferse der Albertina, sondern von Schröders Traum, Direktor eines "Universalmuseums" zu sein. Schröder hat daher alles unternommen, dass zu dieser Ferse ein Körper wächst. Aber dieser Körper ist nur ein Torso mit Prothesen. Denn die Albertina hat die Sammlung Batliner nicht geschenkt, sondern für einen gewissen Zeitraum geliehen bekommen – dieser feine Unterschied wird zu wenig beachtet! Mit Zauberkunststücken wird ein Körper vorgetäuscht, aber er wird wieder zerfallen. Batliner hat ja seine Bilder aus Salzburg abgezogen, weil ihn schlechte Presseberichte geärgert haben ...

STANDARD: Da über eine Neuordnung debattiert wird: Haben Sie konkrete Vorschläge? Köb: Es gibt gewachsene Strukturen und Gebäude, die man nicht abreißen kann. Und dennoch gibt es in dieser komplexen Situation mehrere Lösungsmöglichkeiten. Ich nennen Ihnen nur eine, hinter der ich stehen würde: Weil der Schmiedl der Schmied sein will, könnte man die Albertina mit dem Kunsthistorischen Museum fusionieren. Dann hätte das KHM endlich die Wechselausstellungshallen, die es unbedingt braucht. Da die Sammlung des KHM abgeschlossen ist, stellt sich die Frage, was mit der Grafik des 19. und 20. Jahrhunderts passieren soll. Und da Schröder selbst sagt, dass es sinnlos sei, Grafik allein zu sammeln, muss man ihn nur beim Wort nehmen – und diese Bestände anderen Museen geben.

STANDARD: Zum Beispiel dem Belvedere und dem Mumok ...

Köb: Genau. Da ein österreichisches Museum der Gegenwartskunst widersinnig ist, weil die Künstler im internationalen Kontext stehen wollen und müssen, könnte man sagen: Das Belvedere ist ein historisches Ensemble, es zeigt Gotik, Barock und 19. Jahrhundert, wunderschön, publikumsattraktiv – und man schließt die Sammlung mit Klimt und Schiele ab. Und die Grafik der Moderne kommt ins Museum der modernen Kunst. Und schon haben wir das Problem aufs Einfachste gelöst. Es hängt ja auf keinem Bild ein Schildchen mit "Albertina" oder "Belvedere": Die Sammlungen gehören dem Bund, er kann seine Bestände also jederzeit neu verteilen.

STANDARD: Sie klagten vorhin über Platzprobleme. Ein Zuwachs bringt also nichts. Köb: Man könnte im Belvedere ein internationales Museum des 19. Jahrhunderts vom Biedermeier bis zum figurativen Expressionismus oder bis zur Abstraktion machen – samt unseren Beständen. Oder: Warum schließt man nicht das weiße und das schwarze Gebäude im Museumsquartier zusammen? Wir könnten unsere Klassische Moderne und die internationalen Bestände der Österreichischen Galerie ins Leopold-Museum geben, dann hätten wir dort ein ansehnliches Moderne-Museum, und im Mumok hätten wir mehr Luft für die Gegenwart.

STANDARD: Schröder trumpft mit Ausstellungen der Moderne auf. Warum lassen Sie dieses Feld einfach brach liegen? Köb: Es ist klar, dass kein Museum das Monopol etwa auf die Moderne haben soll. Und das Feld der Gegenwartskunst ist so weit, dass niemand es für sich beanspruchen kann. Aber es soll Kernaufgaben geben. Also, es ist schon in Ordnung, wenn das MAK zeitgenössische Kunst zeigt. Aber man muss sich fragen: Was hat das MAK im Bereich Design und Architektur zu zeigen verabsäumt? Und die Albertina zeigte Biedermeier – mit Exponaten des MAK. Währenddessen schlummern Millionen Blätter in den Depots, die nicht gezeigt werden. Wenn man das Publikum fragt, was es sehen will, dann wird immer Chagall und Picasso genannt. Eben das, was das Publikum schon kennt. Das ist à la longue eine Katastrophe! Da ohnedies jeder Moderne-Ausstellungen macht, wäre es völlig absurd, wenn auch wir sie machen würden. Natürlich: Sie wären unsere Aufgabe. Unser Museum hat die einzige staatliche Sammlung moderner Kunst, und diese ist, auch wenn sie klein ist, umfassend: Wir haben Beispiele für alle Ismen, die es gibt, während die Sammlung Batliner nur eine bunte Bildersammlung ist. (Interview: Thomas Trenkler /DER STANDARD, Printausgabe, 04.09.2007)