Basta hat Gerhard Schröder gerne gerufen, wenn er bei den Genossen für Ruhe sorgen wollte. "So'n Scheiß" lasse er sich nimmer bieten, zürnt der jetzige SPD-Chef Kurt Beck, weil ihm die Partei noch viel mehr auf der Nase herumtanzt. Zwei Machtwörter, verschieden im Ausdruck, aber doch gleich in der Wirkung: So schreit nur jemand, der keine Autorität mehr hat oder noch nie eine besessen hat.

Zugegeben: Kurt Beck hat es nicht leicht. Seit Monaten befindet sich die SPD in den Umfragen im Dauertief. Während sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel von einer glanzvollen Auslandsreise zum nächsten Popularitätshoch hangelt, schaffen es die Sozialdemokraten nicht, Tritt zu fassen. Doch die Zeit drängt. Die Hälfte der Legislaturperiode hat die ungeliebte große Koalition schon hinter sich. Nach dem von EU-Präsidentschaft und G8-Vorsitz dominierten Jahr 2007 stehen 2008 vier wichtige Landtagswahlen (Hessen, Niedersachsen, Hamburg, Bayern) und somit ein stärkerer Fokus auf die Innenpolitik bevor.

Doch zunächst einmal muss Beck von 24. bis 26. Oktober den SPD-Parteitag hinter sich bringen. Dass es in dessen Vorfeld zu Kontroversen kommen wird, war schon lange klar. Schließlich wollen die Delegierten bei diesem Herbsttreffen ein neues rotes Grundsatzprogramm beschließen. Dass der Streit innerhalb der Partei jedoch schon Wochen vor dem Parteitag derart eskaliert, zeigt, wie zerrissen die Sozialdemokratie immer noch ist.

Da gibt es die Reformer, angeführt von den beiden "Steinen" Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück. Schröders Reformagenda inklusive der Hartz'schen Kürzungen bei den Sozialleistungen war richtig, denn der Sozialstaat darf keine Hängematte sein, sagen sie.

Das wiederum versetzt die Parteilinken in Rage, die mit Blick auf die aktuell gute Konjunktur in Deutschland Korrekturen fordern. Bei steigenden Lebensmittelpreisen müsse man auch das Arbeitslosengeld II ("Hartz IV", 347 Euro monatlich) erhöhen, verlangen sie etwa und kassieren prompt ein Nein von Finanzminister Steinbrück.

Und zwischen diesen munter streitenden Flügeln hängt Kurt Beck, dessen Position in vielen Fällen einem entschiedenen "Ja, aber ..." gleicht. Das zeigt sich auch bei der Wahl seiner Stellvertreter: Beck möchte, dass am Parteitag Steinmeier, Steinbrück und auch die linke Frontfrau Andrea Nahles gekürt werden.

Diese Konstellation dürfte für Würze sorgen, ist aber aus Becks Sicht schlüssig. Denn selbstverständlich tritt auch er für weitere Reformen ein. Doch gleichzeitig vergisst Beck nicht in seiner unnachahmlichen Art anzufügen: "Immer mal langsam mit de Leut!" Soll heißen: Überfordert mir meine Wähler nicht - und auch nicht meine Genossen. Schließlich gibt in der SPD immer noch genug, die Sehnsucht nach stärkerer Alimentierung durch den Staat haben und die die Grenze des Zumutbaren schon längst für überschritten halten.

Doch dieses Einerseits-Andererseits, dieses Es-allen-recht-machen-Wollen macht Beck angreifbar - zumal er vielen in der SPD ohnehin nur als Übergangs-Parteivorsitzender gilt. Als eine peinlich-provinzielle Notlösung, weil nach den Rücktritten von Franz Müntefering und Matthias Platzeck auch die letzten Personalreserven aufgebraucht waren. Doch wer Beck nicht als Häuptling will, muss sich die Frage nach der Alternative stellen. Und da gibt es keine.

Steinbrück mag sich zwar selbst für den eigentlich besten Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten halten, doch seine Sympathiewerte liegen bei den Genossen nur knapp über der Wahrnehmungsgrenze. Außenminister Steinmeier hingegen kann im Gegensatz zu Beck wiederum nur mit außenpolitischen Kontakten punkten, hat aber wenig Kontakt zur Basis.

Gerhard Schröder hat der SPD zwar ein politisches Erbe in Form seiner Reformagenda 2010 hinterlassen, aber kein personelles. Daran wird die deutsche Sozialdemokratie noch einige Jahre schwer zu tragen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2007)