Das hätt' ich mir auch nicht so schnell träumen lassen, dass ich einmal eine ÖVP-Ministerin öffentlich zu verteidigen versuche. Aber Molterers langweilige ÖVP macht's möglich. In einem Exzess an verlogener Doppelmoral wird der pummelig-lebendigen Ministerin wegen ihres Privatlebens und ihrem offenen Zugehen auf Fragen der Sexualität und der so genannten Moral der Strick gedreht.

Eine Partei, die ihren oberen Funktionären nahe legt, Scheidungen zu vermeiden oder geheim zu halten, wenn sie in ihrer Hierarchie was werden wollen, täte gut daran, der gesellschaftlichen Realität von Lebensabschnittsbeziehungen ins Auge zu sehen, anstatt Menschen, deren Partnerschaften nicht halten, direkt oder indirekt zu diskriminieren. Die exorbitanten Scheidungsziffern könnten und sollten besser Anlass sein, über die Lebensrealität von Paaren, die Belastungen von Partnerschaften und Familien, über bestmögliche Aufklärung und Sexualerziehung nachzudenken und politisch initiativ zu werden.

Die ÖVP aber praktiziert seit Jahrzehnten das Gegenteil: die "heilige Familie" - nur ja nix Kritisches über diese ins Wanken geratene Institution sagen, Augen zu und durch! Kondome in der Schule - um Gottes willen Der Herr Präsident hat eine Geliebte - pfui Teufel! Beim Life-Ball oder bei Schwulen-Events auftreten - igitt! Und erst recht die Legitimierung dieser gleichgeschlechtlichen Verirrungen - mit uns nicht!

So putzt sich eine staatstragende Partei vor der Realität und ihren längst bekannten Phänomenen und Schwierigkeiten ab, anstatt sie ernst zu nehmen und auch die Menschen, die in solche Schwierigkeiten geraten, mit Respekt zu behandeln.

Da tönt der Herr Landeshauptmann aus Tirol als Anstandswauwau und bemüht das "Christlich-Soziale" an der ÖVP, etwas, was er bei seiner Unterstützung schlagender Burschenschaftler an der hiesigen Universität vor ein paar Jahren offenbar vergessen hat. Und ein steirischer Abgeordneter (Vincenz Liechtenstein, ehemals Mitbegründer der Studenteninitiative JES), dessen "Freiheitsinstitut" auf seiner Homepage von der Bedrohung durch "linke Meinungsherrschaft" faselt, stellt eine Unterschriftenkampagne ins Netz, weil seine Sorge "dem Glauben, dem Wohlstand und der Freiheit in unserem Land" gilt.

Frau Kdolsky mag eine "schrille" und eigenwillige Person sein. Nach ihrem Auftreten gegen die Gehrer'sche Uni-Politik hab ich mich überhaupt gewundert, dass Wilhelm Molterer und Wolfgang Schüssel (vielleicht aus Personalmangel?) auf sie zurückgreifen. Als Ministerin hat sie sich jedenfalls nicht mehr und nicht weniger zuschulden kommen lassen, als andere auch.

In Deutschland haben Kanzler Schröder und sein grüner Außenminister geradezu einen Wettlauf in Sachen Eheschließungen hingelegt: vier oder fünf Ehen bei den Spitzenrepräsentanten einer Wirtschafts- und Kultur-Weltmacht! Aber auch hohe schwarze Politiker im Nachbarland schwächelten schon zwischen Ehefrau und Geliebter hin und her. In Österreich aber sind selbst klare Trennungen und Wiederverbindungen einer Ministerin schon ein Politskandal: Tu felix Austria?

Gescheiterte Ehen: ehrenrührig? Aufklärung an Schulen: immer noch verpönt? Augen auf vor der Realität gleichgeschlechtlicher Liebe? Ja wo leben wir denn eigentlich, Pater Willi?

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Der Autor lehrt Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2007)