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Helmut Senekowitsch, 1933 - 2007.

Foto: APA
Wien - Wann immer in den vergangenen Jahren über das Große und Ganze des österreichischen Fußballs geredet worden ist, kam ein Name stets wie automatisch ins Gespräch: Helmut Senekowitsch. Mag sein, das lag daran, dass er, ohne sein Zutun, zu einem geworden ist, der er nie und nimmer sein wollte. Eine Art Schlussstein der beeindruckenden Kuppel, die den heimischen Fußball überspannt. Nun, da Helmut Senekowitsch tot ist, ist der Raum unter dem Gewölbe endgültig zu einer Gedenkstätte geworden, in der es gilt, sich zu erinnern. Nicht mehr. Aber weniger auch nicht.

Bis zuletzt wollte er das, natürlich, nicht wahrhaben. Da sein Leben im Grunde aus Fußball bestand, konnte er es sich nicht vorstellen, dass der in der Heimat mit seinem Leben ein Ende haben sollte. Von daher wohl auch die Zuversicht, die Gelassen-, ja Heiterkeit, die er, wo immer er auch hinkam, sofort um sich aufbaute wie andere die Mieselsucht, die schlimmste Krankheit altgewordener Kicker.

Helmut Senekowitsch wurde am 22. Oktober 1933 in Graz geboren und war deshalb, so sagte er es jedenfalls, "ein g'standener Steirerbua". Aber doch einer, welcher der Lebenslüge dieses Landes ("Aber woher denn, bei uns gibt's keine Slowenen.") nie aufgesessen ist.

Mitteleuropäisch

Bei einem Gespräch über das Mitteleuropäische am österreichischen Fußball, das Der Standard schon vor geraumer Zeit mit ihm geführt hat, verwies er mit selbstbewusstem Stolz auf seinen Namen und der damit verbundenen Herkunftsgeschichte.

Auch ballesterisch war Senekowitsch nicht bloß ein Steirerbua, ja nicht einmal bloß ein Österreicher. Sein fußballerisches Leben führte ihn über den halben Erdball, was seinem südslawischen Namen vor allem in Hispano-Amerika einen guten Klang verleiht. Das hängt auch, aber nicht nur, mit Cordoba 1978 zusammen, mit jenen 90 Minuten und dem 3:2 gegen Deutschland, die für das neuere Fußball-Österreich so etwas wie eine Geburtsstunde bedeutet.

Wer aber über Cordoba spricht, sollte über alles damit Zusammenhänge reden. Also auch darüber, wie schmählich sein Arbeitgeber, der ÖFB, mit ihm umgegangen war. Farblos und wenig telegen sei er, wurde ihm beschieden. ÖFB-Chef Karl Sekanina wünschte sich mehr Show, stellte ihm den Hutschenschleuderer Max Merkel zur Seite, der keine Gelegenheit zum Besserwissen ausließ.

Senekowitsch zog die Konsequenzen und begann im mexikanischen Guadalajara sein Wanderleben, das ihn weiter nach Spanien (Atletic Bilbao), Griechenland (Panathinaikos Athen, Olympiakos Piräus AEK Athen, Panionios Athen), Deutschland (Eintracht Frankfurt), zurück nach Guadalajara und Zypern (Omonia Nikosia) führte.

Steirisch

"Zekis" Ruf in Österreich litt unterdessen unverdrossen an den Rufern. Selbst Poltergeistern wie Sekanina galt er vor allem als ein unösterreichischer Dauerläufer, also sozusagen als ein Deutscher. Mithilfe der 54er-Generation, die in der Schweiz famose WM-Dritte wurde, verschlief das Land die internationale Entwicklung hin zum physischen Fußball völlig.

Senekowitsch hatte vielleicht das Glück, dass er das Kicken in Graz erlernte, wo der "g'standene Steirerbua" ja auch auf dem Platz durchaus Tradition hat. Hertha Graz, AAC Gemeinde, Grazer SC, Sturm, dann erst Vienna, Betis Sevilla, Wacker Innsbruck, mit der er 1971 den Titel holte, um ins Trainergeschäft zu wechseln. Ahnend, dass es darum ginge, das Handeln der Erkenntnis anzunähern.

In den Sechzigerjahren, so erzählte er es unlängst erst dem Standard, sei der heimische Fußball am Tiefpunkt gewesen. Man habe die Physis der Spieler vernachlässigt und den Nachwuchs links liegen gelassen. Schon als Spieler habe er sich diesbezüglich den Mund fusselig geredet.

Als Trainer heuerte er 1976 beim ÖFB an, führte das Nationalteam zur WM nach Argentinien und formte, wenn man so will, die 78er-Generation, die ihrerseits aber dann das ganz tiefe Loch aufmachte, in dem Österreichs Fußball sich momentan befindet, umzingelt vom internationalen Trend gezielter taktischer Entwicklung.

Österreichisch

Helmut Senekowitsch sah das alles. Und er nahm sich auch kein Blatt vor den Mund. Die Verletzungen, die Österreich ihm zugefügt hat, seien aber längst verheilt. Er lebe in Frieden. "Was soll ich mich mit einem rhetorisch geschulten Politiker in der Öffentlichkeit auseinandersetzen", spielte er auf ÖFB-Chef Sekanina an, "meine Antworten hab ich immer am Platz gegeben". Dass die nicht gehört wurden, lag nicht an ihm.

"Verrückt" sei er nach diesem Sport, meinte er in seinem letzten großen Interview Ende Juli im Standard. Etwas später traf ihn Standard-Autor Johann Skocek für ein Buchprojekt. Zwei Tage später ging er zur neuerlichen Chemotherapie ins Spital nach Klosterneuburg. Wo er am Sonntag um 1.30 Uhr seinem Krebsleiden erlegen ist. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 10.09.2007)