Unterernährte und wundgelegene Patienten in Pflegeheimen sorgen in Deutschland für Aufregung. Nun fordern auch österreichische Experten einheitliche Kontrollen und Standards. Der Grund: Auch hier soll jeder zweite Patient nur mangelhaft ernährt sein.

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Wien - "Wenn man in einem Zimmer essen soll, wo der Bettnachbar erbricht oder Durchfall hat, vergeht einem der Appetit", schildert Thomas Frühwald, Oberarzt der Akutgeriatrie in Lainz (Geriatriezentrum am Wienerwald) eine der Ursachen, warum Menschen in Pflegeheimen zu wenig essen und in der Folge unterernährt sind.

Oft gibt es keine geeigneten Speisesäle, jene Patienten, die im Bett liegen müssen, bekommen die Mahlzeit meist als letzte - wenn sie schon kalt ist. Wer Hilfe zum Essen und Trinken braucht - laut Schätzungen die Hälfte der Heimbewohner -, ist auf das Personal angewiesen, das selten die nötige Zeit dafür aufbringen kann. Und das, obwohl die Einnahme der Mahlzeiten einen der wenigen Höhepunkte im Pflegeheim-Alltag darstellt. "Wenn es ausreichend Schwestern gibt, die zum Essen animieren, gibt es wenige Probleme. Haben alte Menschen aber einmal eine Hungerphase, ist das Defizit nicht mehr aufzuholen", sagt Frühwald. Auch Inkontinenz könnte man, nach Frühwalds Meinung, minimieren, wenn entsprechende Infrastruktur und mehr Personal zur Verfügung stünde.

"Man kann davon ausgehen, dass sich die deutschsprachigen Länder nicht rasend unterscheiden, was Mängel in der Pflege betrifft," sagt die Ernährungswissenschaftlerin Karin Schindler in Bezug auf den kürzlich veröffentlichten Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS) in Deutschland.

Demnach ist die Versorgung vieler Pflegebedürftiger gefährlich schlecht. Bei zehn Prozent der Heimbewohner und knapp sechs Prozent der zu Hause Gepflegten führe eine "akut unzureichende" Betreuung zu Gesundheitsschäden, bemängelte der MDS. Etwa jeder dritte Heimbewohner bekomme nicht genug zu essen und zu trinken und werde nicht oft genug umgebettet, um Wundliegen vorzubeugen, heißt es.

Stichprobenartige Daten über Mangelernährung in österreichischen Pflegeheimen wurden erstmals im Februar dieses Jahres von der Arbeitsgemeinschaft für Klinische Ernährung erhoben, die 400 Bewohner in sieben Heimen untersuchte. Demnach sind 22 Prozent der Heimbewohner mangelernährt - wobei das Ergebnis aufgrund der Freiwilligkeit der teilnehmenden Stationen eine "Positivauswahl" ist, wie Projektleiterin Schindler betont. Fest stehe, dass Demenz ein Hauptrisikofaktor für Mangelernährung ist. Werner Vogt, Pflegeombudsmann im Sozialministerium geht von "mindestens 50 Prozent" unterernährten Patienten aus. Einzelfälle von mangelernährten oder dehydrierten Patienten würden immer wieder über Krankenhausaufenthalte bekannt.

Einen regelmäßigen Pflegequalitätsbericht wie in Deutschland forderte am Montag ÖVP-Sozialsprecher Werner Amon ein, ebenso wie die Grünen und die FPÖ. Denn auch wenn 80 Prozent der Pflege zu Hause stattfindet, wird der Anteil an älteren Menschen, die in Heimen leben, immer größer (siehe Grafik). Regelmäßige Kontrollen und ein "Pickerl" für Heime schlug Seniorenbund-Obmann Andreas Khol (ÖVP) vor, was dessen rotes Pendant, Pensionistenverbands-Präsident Karl Blecha, für eine "großartige Idee" hält. Für einheitliche Qualitätsstandards in ganz Österreich tritt auch der Dachverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs ein. Pflege ist Ländersache, und so variieren auch die Prüfmodalitäten und Anforderungen sehr stark.

Freiheitsbeschränkung

Konkrete Zahlen gibt es zu Fällen von Freiheitsbeschränkungen. Jede einschränkende Maßnahme, egal ob mechanisch, medikamentös oder elektronisch, muss nach Heimaufenthaltsgesetz gemeldet werden. Angegurtete alte Menschen in versperrten Zimmern sollten damit Vergangenheit sein. 48 Bewohnervertreterinnen und -vertreter sind für die Überprüfung in acht Bundesländern zuständig. In Vorarlberg, das eine eigene Heimbewohnervertretung hat, prüfen drei Vertreter. Erlaubt ist nur, was der Betreute nicht als Einschränkung empfindet. Die häufigste Form der Einschränkung sind Seitenteile an Betten, Gurte bei Tisch oder im Rollstuhl. Zwei Prozent der Maßnahmen müssen gerichtlich geprüft werden. Im Vorjahr wurden 15.985 Maßnahmen wieder aufgehoben. (jub, kri/DER STANDARD, Printauisgabe, 11.9.2007)