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Das konnte nicht ausbleiben: Die Jagd auf das Kristallbaby hat begonnen, kaum hatte es Montag früh das Licht der Welt erblickt. Der Wettlauf am Boulevard hat eingesetzt, und "News" sofort mit Zahlenspielen begonnen. Italienische Medien haben 20.000 Euro Kopfgeld auf das erste Foto der Mini-Fiona ausgesetzt. Gleichzeitig hat auch die Kopfjagd nach dem Namen eingesetzt. In der Not, sich mit Konstruktionen wie eben Mini-Fiona behelfen zu müssen, was den Geist doch ziemlich strapaziert, sind andere schon auf einen Namen verfallen, der in seiner berauschenden Originalität als frühe Job-Description gelten kann: Kristallinchen.

Mangels geschickter Desinformation differierten die Angaben über den Geburtstermin, was so weit ging, dass der Kindsvater noch im "Kurier" vom Sonntag auf die Frage Wann kommt das Kind? zur Antwort gab: Bald! Wir befinden uns im "Grand Final". In ein, zwei Wochen wird es soweit sein. Bis heute hat ihm Conny Bischofberger, die das Interview führte, nicht offen übel genommen, so aufs Eis geführt worden zu sein.

Vielleicht hat er's ja auch nicht besser als die Medien gewusst. "News" berichtete dazu: Um keine Risiken für Fiona und das Mädchen einzugehen, entschied man sich gut drei Wochen vor dem errechneten Termin für den Kaiserschnitt. In der "Krone" wusste man: Etwa eine Woche zu früh drängte das Mädchen von Fiona Pacifico-Griffini-Grasser vulgo Swarovski an das Licht der Welt. Aber wieder einmal hatte "Österreich" exklusiv die Nase vorn: Das Baby kam um bis zu vier Wochen zu früh.

Vom Hause Fellner bekam das Frl. Pacifico-Griffini-Grasser auch die erste E-Mail ihres Lebens, ein geschickter Schachzug, der dem Blatt auch exklusiv die Story sichern sollte, wenn die junge Dame zum ersten Mal eine Handtasche einkaufen geht. Vorausgesetzt natürlich, "Österreich" existiert dann noch.

Das muss man hoffen, denn wo könnte man sonst Ergüsse wie diese lesen: Jetzt ist noch "alles andere" schnurzpiepegal, liebe neue Erden-Bürgerin. Jetzt zählt nur ... Liebe, Nähe, Wärme, was möglichst Weiches im Mündchen und was tunlichst Trockenes im Bündchen. Das riecht stark nach cremeschnittiger Uschi-Lyrik. Später einmal wirst du dich freilich wundern. Über ... das Tamtam der illustrierten Gesellschaft rund um deine (standesgemäß kaiserschnittige) Ankunft, ... über die Taufe vor der Taufe (das Kristall-Baby, als wärst du nicht auch nur ein Menschenbinkerl aus Fleisch und Blut gewesen).

Es gehören schon die prophetischen Gaben der illustrierten Tamtam-Gesellschaft dazu, einem Kind jetzt zu enthüllen, was es in ferner Zukunft wundern wird, einst gewesen zu sein. Du hast Startvorteile, keine Frage. Als eine Art neuer Serien-Heldin bei Reich und Schön. Du wirst vermutlich früher shoppen als jobben. Das ist natürlich ein gewaltiger Startvorteil, aber auch er kann tragische Momente des Lebens nicht ungeschehen machen: Du wirst trotzdem Trotzkopf sein (wieso trotzdem?), Backfisch-Liebeskummer und Teenie-Weltschmerz haben. Dagegen hilft ja eh kein Geld der Welt. Womöglich wird das arme Wesen noch als Chefredakteurin von Life & Style enden, wenn der Vater sie nicht vorher beim Meinl unterbringt.

Giften werden sich die anderen, dass ihnen das mit der E-Mail nicht eingefallen ist. Im "Kurier" versuchte sich Frau Bischofberger zwar früher, aber auf Umwegen an den Anlass heranzutasten, nämlich über den Vater. Der ließ auf einer Doppelseite den Bonvivant heraushängen, indem er erklärte: "Um die Meinl-Aktien braucht sich keiner Sorgen zu machen." Gemeint hat er vermutlich, um ihn brauche man sich keine Sorgen zu machen, meldete doch die "Kleine Zeitung": Grasser kassiert ohne Risiko. Die MIP (Meinl International Power) hat noch kein einziges Geschäft an Land gezogen. Für Karl-Heinz Grasser, das Aushängeschild des Unternehmens, fließen im ersten Jahr dennoch acht Millionen Euro.

Dem "Kurier" sagte er auf eine diesbezügliche Frage: Das wäre schön (lacht). Da setzt offenbar mancher Journalist, getrieben vom Neideffekt, die Management-Fee mit Gewinn gleich und vergisst, dass das Unternehmen davon auch die Kosten bezahlen muss. Wie konnte der vom Neideffekt getrieben Journalist der "Kleinen Zeitung" (neben anderen) das vergessen! Ich werde dann viel Geld verdienen, wenn die MIP und ihre Aktionäre auch den wirtschaftlichen Erfolg haben, den wir uns vorgenommen haben. Wenn der nur kommt, ehe beim Kristallinchen der Teenie-Weltschmerz einsetzt!

Man muss einräumen, dass Frau Bischofberger bei ihrem Interview noch mit geburtsterminlichen Ungewissheiten zu kämpfen hatte, als ihr der dazumal noch werdende Vater geradezu beschwörend verriet: Der großen Verantwortung gegenüber unseren Kleinaktionären bin ich mir auch voll bewusst. Dass die Meinl-International Power - dort sitze ich bekanntlich im Aufsichtsrat - mit nach unten gegangen ist, ist ebenfalls eine irrationale Übertreibung. Daher kann er umso lockerer sagen: Ich bin jeden Tag aufs Neue froh, nicht mehr in der Politik zu sein. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 11.9. 2007)