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Sinnbild des polnischen Wirtschaftsbooms: ein neuer Geschäftskomplex im Zentrum Warschaus nahe dem Kulturpalast aus kommunistischer Zeit, der seit seiner Umgestaltung zu einem neuen Tourismusmagneten wurde.

Foto: Reuters/Andrews
„Polens Wirtschaft wächst!“, „Sieben fette Jahre vor Polen“ und „Polens Konjunktur legt den fünften Gang ein“. Seit dem Beitritt Polens zur EU im Mai 2004 jagen sich die Erfolgsmeldungen über Polens Wirtschaftsentwicklung.

Die Nachfrage aus dem In- und Ausland steigt, die EU pumpt jedes Jahr Milliarden an Strukturgeldern in die polnische Wirtschaft, ausländische Investoren finden den polnischen Markt immer attraktiver, die Warschauer Börse meldet einen Rekord nach dem anderen, die heimische Währung, der Zloty, trumpft gegenüber Dollar und Euro auf, die Gewinne der Unternehmer steigen, und auch das Realeinkommen der Arbeitnehmer wächst.

Ähnlich sieht die Situation in den anderen sieben Staaten Mittel- und Osteuropas aus, die 2004 der EU beitraten. Aus der neuen Konjunkturstudie des renommierten Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) geht hervor, dass die Wirtschaft dieser Länder seit 2004 jährlich um durchschnittlich 5,3 Prozent gewachsen ist.

In den Jahren zuvor waren es noch 3,2 Prozent. Die Aufholjagd gegenüber den Volkswirtschaften der EU-15 ist auch deshalb so erfolgreich, weil im Westen die Konjunktur nach Reformstau und jahrelanger Flaute ebenfalls wieder angesprungen ist. So liegt in den neuen Mitgliedstaaten das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf inzwischen bei gut 54 Prozent des Durchschnitts der alten EU-Mitglieder. Vor dem Beitritt lag dieser Wert noch bei knapp 49 Prozent. Rekordsumme

Polen ist jedoch Spitzenreiter, wenn es um ausländische Direktinvestitionen und die Strukturgelder aus Brüssel geht. Unternehmer aus Europa, den USA und Asien investierten 2006 in Polen die Rekordsumme von knapp 11,1 Milliarden Euro, wie die Polnische Nationalbank auflistet. Die bisherigen Höchstwerte lagen bei rund 10,3 Milliarden in den Jahren 2000 und 2004. Für das laufende Jahr erwarten die WIIW-Forscher sogar noch eine Steigerung auf zwölf Milliarden Euro. Insgesamt sind seit der politischen Wende

1989 etwa 90 Milliarden Euro an ausländischen Direktinvestitionen ins Land geflossen, während auf Ungarn und Tschechien, die in den ersten Transformationsjahren zu den Lieblingen der Investoren gehörten, gut 62 Milliarden bzw. knapp 59 Milliarden Euro entfielen.

Die wichtigsten Investorenländer für Polen sind bis heute die Niederlande, Frankreich und Deutschland, dicht gefolgt von Belgien und Luxemburg, den USA, Österreich und Italien. Die Schweiz steht mit einer akkumulierten Investitionssumme von 1,7 Mrd. Euro an 11. Stelle. 2006 übernahmen erstmals Länder aus dem Fernen Osten die Führungsrolle unter den Investoren, allen voran Japan, dessen Firmen Sharp, Bridgestone, Toyota oder Toshiba knapp eine Milliarde Euro in Polen investierten.

Während sich das Interesse der ausländischen Unternehmen zunächst auf personalintensive Branchen wie Auto-, Chemie- und Elektroindustrie richtete, sind es seit rund zwei Jahren vermehrt Dienstleistungen, Hochtechnologie und Produktentwicklungen, die nach Polen verlagert werden. Die attraktivsten Städte sind nach der Hauptstadt Warschau die niederschlesische Metropole Wroclaw (Breslau), die Kultur- und Hochtechnologiestadt Krakow (Krakau), die traditionelle Messestadt Poznan (Posen), die Tuch- und Modestadt Lodz und die beiden Ostseehäfen Stettin (Szczecin) und Danzig (Gdañsk). Einen noch stärkeren Einfluss auf die Umstrukturierung der mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften haben die EU-Strukturgelder. Sie fließen zum großen Teil in die Infrastruktur, in den Ausbau des Straßen- und Schienennetzes, in Kläranlagen und ökologische Projekte. Gefördert werden auch die Landwirtschaft sowie kleine und mittlere Unternehmen. Aber auch Bildung und Forschung, Tourismus und Kultur kommen nicht zu kurz.

85 Prozent für die EU

In der EU-Finanzperiode 2007–2013 wird Polen mit fast 60 Mrd. Euro den Löwenanteil von insgesamt 231,7 Milliarden Strukturgeldern erhalten und damit das größte Empfängerland sein. An zweiter Stelle liegt Spanien mit 31,5 Mrd. und an dritter Stelle Italien mit 25,7 Mrd. Euro. Die positiven Auswirkungen dieses gewaltigen Geldzuflusses sind fast im ganzen Land zu spüren. Nur drei Jahre nach dem EU-Beitritt sind heute 85 Prozent der Polen zufrieden mit der EU-Mitgliedschaft. Nur sieben Prozent stehen der EU negativ gegenüber. Ein Problem bleibt allerdings immer noch die hohe Arbeitslosigkeit. Zwar ist die Arbeitslosenquote in den letzten Jahren stark gefallen, doch mit heute 13 Prozent liegt sie immer noch weit über dem Durchschnitt der 15 Altmitglieder der EU.

Gesunken ist die Zahl der Arbeitslosen nicht nur durch die ausländischen Investitionen und die EU-Strukturmittel, sondern auch durch eine massenhafte Emigration. Dies führt nun wieder dazu, dass in einzelnen Branchen wie auf dem Bausektor oder im medizinischen Bereich Fachkräfte zu fehlen beginnen. So wirbt der Oberbürgermeister einer der Städte Polens, die sich am dynamischsten entwickeln, auf großen Plakaten in Großbritannien und Irland: „Kommt nach Breslau! Hier gibt es Arbeit und gutes Geld!“ (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2007)