In seinen aktuellen Äußerungen zum Jahrestag von 9/11 wird US-Präsident Bush nicht müde, Analogien zwischen dem Irakkrieg und der einstigen "historischen Mission" der USA für Demokratie und Freiheit in asiatischen Ländern herzustellen. - Zu Recht?

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Präsident George W. Bush ist nicht gerade für sein überzeugendes Geschichtsverständnis bekannt. Allerdings hält ihn dies nicht davon ab, auf die Geschichte zu verweisen, um seine Politik zu rechtfertigen. In einer kürzlich vor amerikanischen Kriegsveteranen in Kansas City gehaltenen Rede verteidigte er sein Ziel, im Irak "die Sache durchzustehen", indem er auf die Folgen des amerikanischen Rückzuges aus dem Krieg in Vietnam verwies. Er erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Besetzung Japans nach 1945 und den Koreakrieg als Erfolge in seinem Bemühen, Amerika, Asien - und damit letztlich auch der Welt insgesamt - die Freiheit zu bringen.

Geschichtswissenschafter, Demokraten und andere Bush-Kritiker verurteilten seine Rede - und insbesondere den Verweis auf Vietnam - umgehend als eigennützig, unehrlich und unpräzise.

Ausnahmsweise jedoch hat Bush eine historische Analogie gewählt, die tatsächlich passt. Natürlich unterschied sich der Vietnamkrieg in nahezu jeder Hinsicht vom Krieg im Irak. Ho Chi Minh war nicht Saddam Hussein. In Vietnam haben die Vereinigten Staaten nicht ein fremdes Land angegriffen, einen korrupten, autoritären Bündnispartner gegen ein aggressives, kommunistisches Regime verteidigt.

Doch was Bush tatsächlich sagte, ist, dass auf den US-Rückzug aus Indochina ein Blutbad in Kambodscha und blutige Unterdrückung in Vietnam folgten. Ein Rückzug aus dem Irak, so implizierte er, würde zu einem ähnlichen Blutvergießen - oder Schlimmerem - führen.

Dies ist nahezu sicher wahr. Ungesagt allerdings ließ Bush, dass weder die Massenmorde in Südostasien noch die potenziellen Massenmorde im Irak ohne das durch die US-Interventionen verursachte Chaos möglich geworden wären.

Was aber ist mit den Erfolgen in Japan, Korea und anderen asiatischen Ländern unter amerikanischem Schutz? Hatte Bush Recht, als er Amerikas Rolle dabei rühmte, diesen Ländern ihre Freiheit gegeben zu haben? Vor den Veteranen in Kansas City äußerte er: "Wird die heutige Generation von Amerikanern der Verlockung des Rückzugs widerstehen, und werden wir im Nahen Osten das tun, was die Veteranen in diesem Saal in Asien getan haben?"

Was genau haben die USA in Asien getan? Die ersten paar Jahre der Besetzung Japans waren tatsächlich ein bemerkenswerter Erfolg für die Demokratie. Statt die Japaner der alten Schule bei der Wiedererrichtung eines autoritären Systems zu unterstützen, half die Administration General Douglas MacArthurs den japanischen Liberalen, ihre demokratischen Institutionen der Vorkriegszeit wiederherzustellen und zu verbessern.

Die Gewerkschaften erhielten größeren Einfluss, Frauen das Wahlrecht. Die bürgerlichen Freiheiten wurden gestärkt. Und der als Halbgott geltende japanische Kaiser erhielt eine realistischere Rolle. Ein Großteil des Verdienstes hierfür liegt bei den Japanern selbst und den idealistischen, nach links tendierenden Anhängern des New Deal in MacArthurs Regierung, die diese unterstützten.

Doch als China an Maos Kommunisten fiel und Nordkorea chinesische und sowjetische Unterstützung für einen Einmarsch im Süden erhielt, war es vorbei mit dem demokratischen Idealismus. In Japan wurden ehemalige Kriegsverbrecher aus den Gefängnissen entlassen, Säuberungsaktionen gegen die "Roten" eingeleitet, und rechtsgerichtete Regierungen, die von denselben ehemaligen Kriegsverbrechern geführt wurden, erhielten enthusiastische amerikanische Unterstützung. Statt die Demokratie zu fördern, wurde sie mit aktiver amerikanischer Ermunterung deformiert, um sicherzustellen, dass die Rechten an der Macht und die Linken außen vor zu halten.

Wer den Amerikanern mit Sicherheit viel verdankt, sind die Südkoreaner. Ohne die von den USA angeführte UN-Intervention im Koreakrieg wäre der Süden von Kim Il Sung, dem "Großen Führer", eingenommen worden und hätte nie das Maß an Freiheit und Wohlstand erreicht, das das Land derzeit auszeichnet. Die Demokratie freilich haben die USA den Südkoreanern nicht gebracht - ja nicht einmal ihre dauerhafte Beibehaltung gefördert:

Zwischen den späten 1940er- und den späten 1980er-Jahren ließen die Vereinigten Staaten autoritäre, antikommunistische Herrscher, die ihre Macht durch gewaltsame Staatsstreiche und Unterdrückung Andersdenkender an sich rissen, gewähren und unterstützten sie teilweise aktiv bei der Konsolidierung ihres Regimes.

Das Gleiche gilt für die Philippinen, Taiwan, Indonesien und Thailand und tatsächlich auch für den Nahen Osten, wo die Demokratie bisher noch keine Wurzeln geschlagen hat. Für die gesamte Dauer des Kalten Krieges favorisierten die US-Regierungen im Namen des Kampfes gegen den Kommunismus unweigerlich "starke Männer" aus dem Militär und zivile Diktatoren, um nur ja die Linken auszuschalten - selbst jene Art von Linken, die im demokratischen Westen lediglich als Liberale betrachtet worden wären.

Sicher, für die meisten Menschen war das Leben unter den rechtsgerichteten starken Männern Asiens im Großen und Ganzen dem Leben unter Mao, Pol Pot, Kim Il Sung oder selbst Ho Chi Minh vorzuziehen.

Die unter der Herrschaft Park Chung Hees, Ferdinand Marcos' oder General Suhartos lebenden Bürger allerdings als "frei" zu bezeichnen, ist eine Travestie. Die erfreuliche Tatsache, dass Koreaner, Philippinos, Thais und Taiwanesen letztlich tatsächlich frei oder zumindest freier wurden, ist weniger das Verdienst der USA als der jeweiligen Völker, die selbst für ihre Freiheiten kämpften. Erst in den späten 1980er-Jahren, als das kommunistische Reich zerfiel, unterstützten US-Regierungen aktiv demokratische Politiker und Demonstranten in Seoul, Taipeh oder Manila. Die wahren demokratischen Helden jedoch waren Asiaten, nicht Amerikaner.

Bush hat Recht, wenn er behauptet, dass die Menschen im Nahen Osten gern so wohlhabend und frei wären wie die Südkoreaner. Doch mit seiner Vorstellung, dass der Krieg im Irak lediglich eine Fortsetzung der US-Politik in Asien sei, könnte er falscher nicht liegen. In Asien wie im Nahen Osten verfolgten die USA bisher stets die Strategie, im Kampf gegen den Kommunismus Diktatoren zu stärken, bis diese von ihrer eigenen Bevölkerung gestürzt wurden. Im heutigen Nahen Osten ist sie unverantwortlich und radikal: in ein Land einmarschieren, seine Institutionen zerstören und dann erwarten, dass aus dem hieraus folgenden Zustand von Anarchie die Freiheit erwächst.

Diese beiden Unterfangen durcheinanderzubringen und so zu tun, als wären sie identisch, ist nicht nur falsch, sondern gefährlich und zutiefst enttäuschend für jene von uns, die die USA noch immer als Kraft des Guten betrachten.

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*Der niederländisch-britische Autor lebt als freier Publizist in London und ist Professor für Demokratie, Menschenrecht und Journalismus am Bard College. © Project Syndicate, 2007, aus dem Englischen von Jan Neumann (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2007)