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Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy verlangt die "Rückkehr zur Allgemeinbildung" vom Rechnen über das Lesen bis zu Sport und Kultur.

Foto: epa/Skeudener
Nicolas Sarkozy fühlte sich sichtlich inspiriert: 32 Seiten lang ist sein Brief, der den französischen Lehrern dieser Tage in den Postkasten flattert. Reaktion einer Lehrerin in einem Internetforum: "Ich empfehle all meinen Kollegen, das Ganze zurück an den Absender zu schicken."

Das "Ganze" hatte eigentlich einen anderen Zweck: Der Präsident will die Lehrerschaft für seine Reformen gewinnen. Seit dem Volksschulpionier Jules Ferry 1883 hatte sich kein Staatschef so direkt an die Lehrer gewandt. Sarkozy will nichts weniger als das französische Bildungswesen "neu gründen". Er stützt sich dabei auf Bildungsthesen von konservativen Denkern wie Alain Finkielkraut und verlangt die "Rückkehr zur Allgemeinbildung" vom Rechnen über das Lesen bis zu Sport und Kultur.

"Kultur des Respekts"

Wie schon im Wahlkampf kritisiert Sarkozy implizit das Erbe des Mai 1968: "Seit einigen Jahrzehnten wurde die Persönlichkeit des Kindes statt seines Wissens in den Mittelpunkt der Bildung gerückt." Neben den Grundkenntnissen will der Staatschef auch die "Kultur des Respekts" vermittelt wissen. Oder etwa den Umstand, dass "der Schüler nicht auf gleicher Stufe wie der Lehrer steht".

Sarkozy hat sämtliche Bildungsstufen im Visier. Während er in den Grundschulen wieder die klassischen Fächer betonen will, plant er eine tief greifende Reform der Mittel- und Hochschule. Das "Collège" (Altersjahr elf bis 15), das die ganze Schwerfälligkeit des französischen Bildungswesens in sich vereinigt, soll nicht mehr wie seit 1975 "einheitlich" gelten; schwierige, aber auch besonders starke Schüler sollen schon ab elf Jahren eigene Lehrgänge erhalten. Bereits auf Schiene ist zudem die Universitätsreform: Die Hochschulen erhalten weit gehende Autonomie.

11.000 Stellen weniger

Die Lehrerverbände üben harte Kritik an der "Kommunikationsoperation" Sarkozys und der "völligen Absenz von sozialen Rücksichten". "Wie sollen wir an eine Verbesserung der Schule glauben, wenn zuerst einmal die Zahl der Lehrer verringert wird?", fragt die Gewerkschaft Snuipp-FSU mit Verweis auf die Streichung von 11.000 Lehrerposten im nächsten Schuljahr.

Die Gewerkschaften der "Education Nationale" planen zum Teil noch für diesen Herbst Protestaktionen. Dabei hatte Sarkozy der Hochschulreform zum Schluss selbst die Zähne gezogen, indem er die geplante Selektion beim Uni-Eintritt - ein Politikum erster Güte - daraus entfernte. Bei den übrigen Bildungsreformen setzt der Präsident aber darauf, dass viele Lehrer auf seiner Seite stehen. Auch die linke Zeitschrift Le Nouvel Observateur berichtet diese Woche in ihrer Titelgeschichte unter dem Titel "Der Skandal des Alphabetismus", dass 40 Prozent der französischen Grundschulabgänger Mühe mit Lesen und Schreiben hätten. Und in den Banlieue-Quartieren verlangen heute immer mehr Lehrer Polizeischutz, um die Gewalt an ihrer Schule einzudämmen. (Stefan Brändle aus Paris/ DER STANDARD-Printausgabe, 14. September 2007)