Bild nicht mehr verfügbar.

Der Färber und sein Zwillingsbruder - aber nur in der TV-Realität. Bilder links: Bin Laden einst und jetzt; rechts: Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit präparierter Haartracht in einer Video-Animation für eine Folge von Gottschalks "Wetten, dass ...?".

Fotos: AP, Reuters
Über Gerhard Schröder darf nicht geschrieben werden, dass er sich die Haare schwarz färben würde. Sonst kommt er mit seinen Anwälten und übt einen juristischen Anschlag auf den Verlag aus. Bei Osama Bin Laden scheint das Risiko deutlich geringer.

Zumindest wenn man als Maßstab nimmt, dass fast alle Medien angesichts des deutlich schwärzeren Bartes im neuen Video (siehe Abb.) des Terrorfürsten ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass dieser gefärbt ist. Ein weiterer Beleg für die alte These, dass von manchen Juristen eine größere Gefahr für die Meinungsfreiheit in Deutschland ausgeht als von Islamisten.

Aber zurück zu Osama Bin Laden: Es gibt mindestens drei Möglichkeiten, den schwarzen Bart des Terrorfürsten zu erklären:

1. Der Gerhard-Schröder-Effekt: eine für das Lebensalter seltene Farbintensität. Das kann zum Beispiel mit besserer Ernährung oder weniger Stress zu tun haben - etwa durch einen Wechsel des Arbeitsplatzes.

2. Osama Bin Laden hat sich den Bart schwarz gefärbt. Hier stellt sich die Frage: warum? Und: Steht dem nicht ein islamisches Verbot entgegen? Ist das Video deshalb möglicherweise die Fälschung einer PR-Agentur, deren Mitarbeiter zwar viel über das Zurechtmachen für die Medien, aber wenig vom Islam wissen?

3. Der Bart wurde digital nachbearbeitet.

Haare und Bart beschäftigten die muslimischen Religionsgelehrten im Laufe der Jahrhunderte in durchaus auffälliger Weise: So gehört es laut Abu Huraira (einem der treuesten Gefährten Mohammeds) zur "natürlichen Veranlagung" (Fitra), die Schamhaare abzurasieren und die Achselhaare auszuzupfen. Dem Rechtsgelehrten Anas ibn Malik zufolge soll dies spätestens alle 40 Nächte geschehen. Andere islamische Körperpflegepflichten und -optionen, führen zu dem interessanten Effekt, dass sich so mancher Taliban nicht in bestimmte abendländische Stadtbzirke trauen könnte, ohne "angemacht" zu werden.

Haariger Vergleich

Das Färben von Bärten ist im Islamismus nichts Ungewöhnliches: Vor allem somalische und paschtunische Islamisten tragen gerne und häufig hennagefärbte Bärte. Der Hamas-Politiker Muhammad Abu Tir gab in einem Interview mit Channel 10 an, seinen Bart mit Henna zu färben, weil dies der Prophet Mohammed ebenso gemacht habe - und weil es gegen Kopfschmerzen ebenso wie gegen Schuppen helfe. Eine etwas profanere Erklärung bot dieser Tage die israelische Tageszeitung Ha'aretz, die mutmaßte, dass sich der Politiker mit dem orangefarbenen Bart als Marke für "Änderung und Reformen" platzieren wolle - vergleichbar etwa mit Claudia Roth in Deutschland.

Laut Islam-verstehen.de ist es Muslimen vom Propheten Mohammed "empfohlen", sich Haare und Bärte zu färben, denn: "Die Juden und Christen färben ihre Haare nicht, so unterscheidet euch von ihnen."

Bezüglich letzterer Aussage ließe sich allerdings einwenden, dass gewisse kulturelle Veränderungen seit dem 7. Jahrhundert (zumindest auf- seiten der Juden und Christen) dazu geführt haben könnten, dass der Glaube an eine überzeitliche Geltung der muslimischen Vorschriften eventuell mancherlei Widersprüchen ausgesetzt ist.

Kurz - was wiegt nun schwerer: Die Unterscheidung von den Juden und Christen - oder das Färben von Haaren und Bart?

Doch Osama Bin Ladens Bart ist ohnehin nicht orange oder rot, sondern schwarz. Dem bereits zitierten Informationsportal zufolge besagt die Sunna, dass das Färben der Haare dem Alter entsprechen solle, weshalb sich alte Leute (anders als junge) Bart und Haare nicht schwarz färben dürften. Als Ausnahme nennt das Portal jedoch den Krieg, was damit begründet wird, dass Männer durch das Färben den Feind täuschen könnten, indem sie so jünger und "kräftiger" erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind.

Neben dieser islamischen Option von der Kriegsvorbereitung bleibt allerdings auch noch die etwas profanere: dass sich der Medienstar aus Eitelkeit und vielleicht auch wegen seines mittlerweile doch etwas verblassten Ruhmes ein wenig jünger machen wollte ... (Peter Mühlbauer/DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2007)