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Osama Bin Laden mit Jesus-Antlitz: Hologram der australischen Künstlerin Priscilla Joyce Bracks.

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Könnte es sein, fragt Christian Zeitz, dass zwischen "Alltagsislam" und Terrorbereitschaft doch ein ursächlicherer Zusammenhang besteht, als Wohlmeinende glauben? Basiert die Feststellung, nicht die Lehre selbst, nur ihr fanatischer "Missbrauch" erzeuge Gewalt, auf einem Trugbild? – Ein Diskussionsbeitrag aus liberal-konservativer Sicht.

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Erst vor wenigen Wochen stellte Innenminister Günther Platter anlässlich der Präsentation des aktuellen Verfassungsschutzberichtes fest, dass islamische Extremisten in unserem Land eine zunehmende, potenziell terroristische, Gefahr darstellen würden. Fast unisono haben dazu zahlreiche Meinungsträger eine reflexhafte Pflichtübung absolviert und darauf verwiesen, dass Österreich mit dem hierzulande gepflegten „Dialog der Kulturen“ gleichsam über ein Geheimrezept verfügen würde, mit dem Tendenzen zur Gewaltmanifestation frühzeitig unterbunden werden können.

Die aktuellen Ereignisse um die Festnahme dreier mutmaßlicher islamistischer Terrorsympathisanten sollte nicht zum hysterischen Aufschrei verführen, Österreich wäre bereits ein bevorzugtes Aufmarschgebiet der Al-Kaida. Aber sie sollten zum Anlass einer redlichen Reflexion der Zusammenhänge von Islam und Gewalt genommen werden.

Diese muss mit der Hinterfragung eines Dogmas beginnen, das sich von der Wunschvorstellung ableitet, islamische Einwandererfamilien würden sich grundsätzlich mit zunehmender Aufenthaltszeit mehr und mehr an den Kulturraum unseres Landes anpassen. Nach einschlägigen Studien in Frankreich und Deutschland ist es nun auch hierzulande evident, dass die Einwandererkinder („Migranten der 2. und 3. Generation“) der radikal-islamischen Szene weit mehr zuneigen als ihre Elterngeneration: Die verhafteten Aktivisten sind allesamt „Österreicher mit arabischem Migrationshintergrund“.

Wesen des Terrors

Mit dem Fall des „Integrationsdogmas“ ist auch die Empfehlung eines „Dialoges der Kulturen“ als Ansatz zur Vermeidung islamisch motivierten Terrors zu problematisieren. Denn diese verfehlt das Wesen des Terrors schlechthin auf dramatische Weise. Das Wirkprinzip des Terrors beruht auf der Großflächigkeit des Zusammenhanges zwischen seinen Vorbedingungen und seinen Folgen: Terrorismus ist nicht einfach ein krimineller Akt, mit dem unverstandene und mangelhaft betreute Extremisten etwas erpressen wollen. Er richtet sich vielmehr systematisch und gleichermaßen an die beiden großen Zielgruppen seiner potenziellen Anhänger und seiner potenziellen Opfer.

Jede terroristische Vereinigung operiert auf dem Unterfutter eines ideologischen oder religiösen Bezugsfeldes und ist in diesem tief verwurzelt. Es gibt keinen Terror aus dem ideologischen Nichts. Terrorismus ist immer nur die Spitze eines Eisberges und insofern Ausdruck eines weitläufigen Hinterlandes an Sympathisanten, die sich letztlich, wenn auch möglicherweise versteckt, mit den Zielen des Terrors identifizieren.

ETA und baskischer Seperatismus, IRA und gälische Sinn Féin, RAF und radikale Studentenszene: Terroristen sind erst dann und nur solange aktiv, sobald und solange sie sich der Solidarität eines tragfähigen Hinterlandes gewiss sind, das ihrem Tun vermeintliche Legitimität gibt. Dies gilt in besonderem Maß auch für islamisch motivierten Terror. Die nach dem 9.11.2001 in westeuropäischen Moscheen kurzfristig aufgeflammten Jubelreaktionen haben diesbezüglich eine entsprechende Ahnung vermittelt.

Auch wenn wir es ständig verdrängen oder leugnen: Im Koran selbst und in den Hadithen finden sich dutzende Aufforderungen zur Tötung von Ungläubigen, Abtrünnigen und Feinden der Religion Allahs: „Wenn ihr mit den Ungläubigen zusammentrefft, dann schlagt ihnen die Köpfe ab.“ (Sure 47) „... ergreift sie und tötet sie, wo ihr sie auch findet. Wir geben euch vollständige Gewalt über sie.“

Ist es also wirklich abwegig, wenn gläubige Moslems aus derartigen Imperativen einen Auftrag zum Terror ableiten? „Du darfst keineswegs die für tot halten, welche für die Religion Allahs gestorben sind, sie leben vielmehr bei ihrem Herrn, der sie hinlänglich versorgt.“ (Sure 3) „Sie (die Ungläubigen, Anm.) hatten sich wider dich verschworen. Aber Allah hatte sich wider sie verschworen, und Allahs Anschläge sind die besten.“ (Sure 8).

Legitimationsreferenz

Der beschwichtigende Einwand, diese Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen und könnten durch anderslautende Textstellen relativiert werden und müssten allenfalls einer friedliebenden Exegese weichen, hält einer systematischen Beschäftigung mit den islamischen Quellentexten nicht stand.

Aber Terror lebt nicht nur aus dem Bezug zur Lehre seiner Sympathisanten, sondern betrachtet auch die möglichen Opfer als Zielgruppe seiner Botschaft. Einerseits kalkuliert er immer mit den gesellschaftlich destabilisierenden Nebenwirkungen staatlicher Terrorismusbekämpfung. (Über den gesellschaftlichen Schaden, den der paranoide Propaganda-Patriotismus und seine Anti-Terror-Politik in Bushs Amerika angerichtet hat, könnte hier viel gesagt werden.) Und andererseits fördert der Terrorismus Positionen seiner „gewaltfrei“ agierenden ideologischen/religiösen Verwandten – und das ist sein eigentliches Erfolgsrezept.

Der Terrorismus mobilisiert gewissermaßen einen Entlastungsmechanismus des wohltuenden Kontrastes. Es beruhigt, festzustellen, dass nicht die Lehre selbst Gewalt erzeugt, sondern nur ihre missbräuchliche Auslegung und deren fanatische Adepten. Der Umstand, dass die Abirrung radikaler Interpreten zur Gewalt ermutigt, scheint den Schluss nahezulegen, dass die rechtgeleitete, quasi die „normale“ Sicht der Lehre geradezu definitionsgemäß gewaltlos ausgerichtet ist. Die Bezeichenbarkeit der radikalen Variante einer Lehre fungiert als Legitimationsreferenz der gemäßigten Spielart.

Fragwürdiges Dogma

Das trifft in besonders hohem Ausmaß für die Auseinandersetzung mit dem Islam zu. Die Formel von den „kleinen, aber radikalen Splittergruppen“ und die Unterscheidung von „Islam“ und „Islamismus“ macht die Vertreter der „Mainstream-Moslems“ automatisch zu salonfähigen Dialog-Partnern und gern gesehenen Veranstaltungsteilnehmern.

Und das Dogma von der „Toleranz gegenüber Andersdenkenden“ erzwingt nachgerade den „Dialog der Kulturen“. Dieser ist jedoch inzwischen mit einem Verbot der Kritik islamischer Glaubensinhalte und der daraus resultierenden gesellschaftlichen und politischen Positionen verbunden. Dieses Tabu bezieht sich besonders auch auf die Feststellung der generellen Gewaltaffinität des Islam. Erstarrt im Tabu der political correctness fragt niemand, warum grundsätzlich immer und überall Gewalt im Spiel ist, wo die Moslems mehr sind als eine gesellschaftliche Randgruppe.

Das ist natürlich nicht ausschließlich und nicht einmal in erster Linie ein Problem des Terrorismus. Denn Terrorakte sind auch aus der Sicht einschlägiger islamischer Rechtsgelehrter (wie des allseits respektierten Scheich Yusuf al-Qaratawi, Autor eines Lehrbuches, das ein Jahrzehnt im islamischen Religionsunterricht Österreichs verwendet wurde) nur unter sehr speziellen Bedingungen das Mittel der Wahl.

Vielmehr aber geht es um ein ganzes Bukett an Bedrohungen, die sich aus dem im Islam verankerten Primat der Gewalt unzweifelhaft ergeben. Die Dogmatisierung von Vergeltungsrecht, Körperstrafen, Unterdrückung der Frau und einer von religiöser Diskriminierung getragenen Beutewirtschaft im islamischen Gemeinwesen sind nur einige der wichtigsten Beispiele.

Werteordnung

Deshalb ist natürlich keineswegs jeder Moslem ein potentieller Terrorist, denn in jedem Menschen wirkt auch das natürliche Sittengesetz. Aber er ist, wenn er seinen Glauben ernst nimmt, stets in Gefahr, Träger einer Lehre zu sein, die mit unserer auf Gewaltfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und individueller Verantwortung aufgebauten Gesellschaftsordnung in Konflikt steht. Von all den realen Gefahren des Alltagsislam lenkt die Fokussierung auf das Phänomen des Terrors ab. Der „islamische Terrorismus“ leistet daher paradoxerweise einen, wenn auch indirekten, wesentlichen Beitrag zur Gefahr einer Islamisierung des Westens.

Die Erhaltung der Früchte unserer Kultur und Tradition kann demgegenüber nur gelingen, wenn wir den Islam als Ganzes hinterfragen, und ihn Position für Position auf seine Vereinbarkeit mit unserer Werteordnung prüfen. Dabei wird der Eine oder die Andere möglicherweise draufkommen, dass er oder sie auf den Lebenskeim unseres bisher oft verächtlich gemachten oder gleichgültig ertragenen geistigen und spirituellen Erbes doch nicht verzichten will. Ereignisse wie die aktuellen sind möglicherweise geeignet, uns in dieser Frage aufzurütteln. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.9.2007)