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Der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, bekam in Porto viel Lob – und heftige Schelte aus Paris.

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Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy war zwar nicht anwesend, dennoch beherrschte er Samstag den zweiten Tag des Treffens der EU-Finanzminister im portugiesischen Porto. Sarkozy übte am Krisenmanagement der Europäischen Zentralbank (EZB) heftige Kritik. Diese hatte, wie berichtet, den Banken tageweise zusätzliche Liquidität von insgesamt mehreren hundert Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um eine Kreditkrise zu verhindern. Er halte es für merkwürdig, dass die EZB Kredite zur Verfügung gestellt habe, ohne die Zinsen zu senken, sagte Sarkozy in einem Interview mit Le Monde. Damit seien nur Kreditlinien für Spekulanten geschaffen worden, während Unternehmen die Arbeit erschwert werde. Sarkozy ergänzte, er wolle seine "Offensive" gegen den bisherigen Umgang Europas mit Finanzangelegenheiten fortsetzen. Sarkozy ging auch mit Jean-Claude Juncker, dem Vorsitzenden der Euro-Finanzministergruppe, hart ins Gericht. "Welche Initiative hat er ergriffen? Über den Finanzkapitalismus führen Angela Merkel und ich die Debatte", sagte der Präsident. Juncker sollte sich seiner Meinung nach selbst infrage stellen. EZB-Chef Jean-Claude Trichet verteidigte die Finanzspritzen. Damit seien nicht diejenigen Banken belohnt worden, die sich unangemessen verhalten hätten, sondern die anderen vor deren Fehler geschützt worden.

"Lage sehr ernst"

Sarkozy habe außerdem die Entscheidungen der EZB im Übrigen mitgetragen. Auch Österreichs Finanzminister Wilhelm Molterer verteidigte das Krisenmanagement der EZB, diese habe einen "hervorragenden Job" gemacht. JeanClaude Juncker sagte zur Finanzkrise insgesamt, dass das Schlimmste noch nicht vorbei sei: "Nichts ist vorbei." Auch Deutschlands Finanzminister Peer Steinbrück bezeichnete die Lage an den nervösen Finanzmärkten als sehr ernst. "In dieser Zuspitzung an den Finanzmärkten stecken auch Chancen: Die Märkte müssen endlich herauskommen aus der Maßlosigkeit und den Übertreibungen", sagte Steinbrück. Doch sei es noch zu früh, die möglichen Auswirkungen der Turbulenzen auf das Wachstum zu beziffern. "Wir hoffen, dass diese Turbulenzen nicht für immer anhalten", sagte EU-Währungskommissar Joaquín Almunia.

Gründliche Untersuchung

Die Finanzminister wollen sich Zeit nehmen, die Geschehnisse an den Märkten gründlich zu untersuchen. Ein Frage sei, wie die Transparenz der hochkomplexen Finanzinstrumente, die im Zentrum der Krise stehen, erhöht werden kann. Auch solle die Rolle von Ratingagenturen überprüft werden, auf deren Bewertungen von Krediten sich viele Investoren offenbar zu leichtsinnig verließen.

Diskutiert wurde auch, wie die Zusammenarbeit in der Finanzaufsicht bei grenzüberschreitenden Bankenpleiten verbessert werden könnte. Nach Worten des niederländischen EZB-Ratsmitgliedes Nout Wellink könnte die aktuelle Finanzmarktkrise im schlimmsten Fall den weltweiten Bankensektor bis zu 1,2 Billionen Euro (1200 Milliarden Euro) kosten. (Michael Moravec aus Porto, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.9.2007)