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Stünde dieser 1951er-Fender-Precision-Bass zum Verkauf, würde er trotz oder gerade wegen des verlebten Aussehens einen astronomischen Preis erzielen. Gehört er doch Police-Bassisten und Teilzeit-Weltretter Gordon M. Sumner aka Sting.

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Gerhard Fichtberger ist leicht angespeist ob der Preisentwicklung seiner Lieblinge: "Die Preise in den letzten drei Jahren sind explodiert - vollkommen ungerechtfertigt", sagt der Gitarrenexperte, der mit Leib und Seele das Geschäft "Vienna Vintage Guitars" betreibt. "Eine Hand voll amerikanischer Händler bestimmt den Markt." Und es gäbe heute Menschen , "reich gewordene Chinesen etwa, die bezahlen auch jeden Preis".

 

Zur Illustration, was das bedeutet: Der Doyen der amerikanischen Vintage-Gitarren-Händler, George Gruhn, schreibt in seinem Laden in Nashville, Tennessee, etwa gerade eine Gibson Les Paul Goldtop, Baujahr 1957, um 120.000 Dollar aus. Dabei wäre die Gitarre nicht einmal im Topzustand - im Sammlerjargon "mint" (wörtlich: "prägefrisch") -, sondern nur "very good".

Mit voller Lautstärke zurück

Dabei erlebte die Elektrogitarre vor gar nicht allzu langer Zeit in der Musikwelt einen Einbruch. Es dominierten Elektroniker und Plattenaufleger. Ab 2003 kam die Rockmusik aber mit voller Lautstärke zurück - und die Nachfrage nach den "Stromrudern" stieg wieder. Junge Bands, wie etwa die New Yorker Strokes, setzten dabei in Aussehen und Instrumentierung voll auf die 60er-Jahre. Dazu kamen erfolgreiche Wiedervereinigungstouren von alten Helden wie Pink Floyd oder zuletzt Police, die auch Instrumente von damals in den Millionärshänden halten.

Auf die Produkte der klassischen Ära des Rock stürzen sich die Sammler deswegen nun weltweit. Ungeachtet dessen, dass Fender beispielsweise alles andere als Manufaktur war und Gitarren und Bässe - auch vor der Übernahme durch das Kapital in Form des Medienkonzerns CBS (1965) - "en masse rausgehaut hat", wie Fichtberger sagt, "klingen die gar nicht so gut". Aber egal: "Alle wollen sein wie Eric Clapton oder Gary Moore, also muss es eine Fender Stratocaster aus den 60ern sein."

Steigende Nachfrage

Die steigende Nachfrage nach den Tatwaffen des Rock 'n' Roll erklärt sich unter anderem aber auch damit, dass die im Teenageralter gitarreschwingenden Fans von einst mittlerweile in die Jahre gekommen sind und gut verdienen - auch ohne Rockstar geworden zu sein. Und so können sie sich nun ihre Jugendträume erfüllen und jene Instrumente kaufen, die seinerzeit noch unleistbar schienen.

Der Boom der Vintage-Gitarren begann jedenfalls aber schon Ende der 70er-Jahre, mit George Gruhn als Pionier. In den 80er-Jahren stiegen die Preise schon kontinuierlich, sodass viele aktive Spieler sich bereits von den Sixties-Gitarren abwendeten, "weil ihnen damals 14.000 Schilling für eine alte Stratocaster zu viel gewesen sind", erzählt Fichtberger. "Aus heutiger Sicht muss man sagen: Hätten sie es nur gekauft, weil heute geht es bis zu 50.000 bis 70.000. Aber in Euro."

Wichtig ist dabei, dass die Gitarren im Originalzustand sind, nicht "verbastelt" oder von ungestümen Jungmusikern bemalt wurden - außer, der Betreffende ist heute berühmt, dann steigt der Preis wieder.

Ohne Promibonus an der Spitze der Preispyramide stehen jedenfalls Gitarren der US-Marke Gibson: Für ein Modell Les Paul, vom Ende der 50er-Jahre/Anfang der 60er-Jahre, werden im Topzustand mitunter auch 250.000 Dollar verlangt. Laut Gruhn seien die Marktpreise der meistgesuchten Modelle seit 1985 um rund 1000 Prozent gestiegen.

Wenige Modelllinien

Der Markt konzentriert sich insgesamt auf wenige Modelllinien: Fender Stratocaster und Telecaster, Gibson Les Paul und Explorer sowie einige Modelle, die nur in Kleinserien von zehn bis 100 Stück erzeugt worden sind.

Für Sammler, die neu einsteigen wollen, aber nicht über das Einkommen von Rockstars verfügen: Noch keine astronomischen Höhen erreicht haben etwa Preise von Gibsons aus den 70ern. Manche Modelle, die nie den Kultstatus der oben genannten erreichten, bekommt man - als Spieler oder Sammler - noch immer recht günstig. Manchmal sind sie sogar billiger als die Replica-Modelle der Klassiker ("Reissues"), die von den Konzernen industriell in sonder Zahl derzeit hergestellt werden, um die Retrowelle zu bedienen.

Japanische Gitarren

Oder japanische E-Gitarren: Diese hatten früher den Nimbus der Kopien. Mittlerweile ziehen etwa auch die Preise der frühen Modelle von Ibanez an, einer Gitarrenmarke der Hoshino Gakki Group (dem japanischen Produktionspartner von Fender).

Wie schnell eine Marke zum begehrten Stück werden kann, zeigt der Fall der E-Bass-Manufaktur Wal mit Sitz in der Nähe von London. Diese hatte ihre beste Zeit in den 80er-Jahren, Wal-Bässe galten wegen der aufwändigen Holzkonstruktion und der patentierten Soundelektronik als außerordentlich gute, aber doch noch leistbare Bässe. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Wal-Gründer Pete Stevens zuletzt aber die übervollen Orderbücher nicht mehr abarbeiten und stellte die Produktion ein. Ergebnis: "Der Markt ist komplett ausgeflippt", wie es ein Sammler ausdrückt. Bekam man einen Wal-Bass aus den 80er-Jahren (Neupreis: 2500 Euro) bis vor zwei Jahren um 1000 Euro, so werden plötzlich bis 6000 Euro bezahlt. So wirken eben Angebot und Nachfrage auch bei den Musikfreaks. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.9.2007)