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Die nächste Amtszeit angeblich ohne Uniform: Pakistans Staatspräsident Musharraf (64) will seinen Posten als Armeechef abgeben.

Foto AP/Mian Khursheed
Der deutsche Pakistan-Kenner Hein Kiessling zeichnet ein differenziertes Bild von Staats- und Armeechef Pervez Musharraf: Wirtschaftliche Erfolge, Versäumnisse im Schulwesen, Fehlkalkulation bei den Islamisten, sagt er Markus Bernath.

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STANDARD: Pervez Musharraf lässt sich nun als Staatspräsident Pakistans wiederwählen. Doch ist er als Politiker nicht gescheitert?

Kiessling: Ich würde so weit nicht gehen. Ich habe das Gefühl, dass seine Hochzeit auf jeden Fall vorbei ist. Vielleicht war es auch nicht sehr klug, dass er sich für eine weitere fünfjährige Amtszeit entschieden hat. Aber Pakistans Militär versteht sich eben als der staatstragende Pfeiler. Da ist auch etwas Wahres dran. Und Pervez Musharraf ist ein professioneller Soldat geblieben. Seine Denkweise ist so, auch wenn er oft bereit war zuzuhören.

STANDARD: Musharraf hat es weder geschafft, sich im eigenen Land Unterstützung für seine Anlehnung an die USA zu sichern, noch die Islamisten einzudämmen.

Kiessling: Zunächst einmal: Die Pakistaner haben ein ambivalentes Verhältnis zu den USA. Sie waren im Grunde immer treue Verbündete Amerikas. Sie wollen geliebt werden, fühlen sich aber immer wieder von den USA vernachlässigt, manchmal zu Recht, manchmal überziehen sie mit dieser Kritik.

Die Islamisten wiederum sind für die Militärs wie die demokratischen Politiker in Pakistan ein nützliches Werkzeug gewesen. Der Einzug der Taliban in Afghanistan zum Beispiel war eine der größten Geheimdienstoperationen und dazu noch erfolgreich. Nicht nur die Pakistanis, auch die Amerikaner und Saudis waren daran beteiligt. Ein solches Werkzeug wirft man nicht einfach weg, hat man sich gesagt.

STANDARD: Dieses Werkzeug hat sich ja nun selbstständig gemacht. Es gab ein halbes Dutzend Anschläge von Islamisten auf Musharraf.

Kiessling: Neun waren es bisher angeblich. Man hat übersehen, dass die Islamisten ihre eigene Dynamik entwickeln. Aber der Islam war insgesamt auf dem Vormarsch. Auch in einem demokratischen System wären sie stärker geworden.

Unter Musharraf ist Pakistan in den vergangenen acht Jahren wirtschaftlich vorangekommen – das muss man auch sehen –, nicht zuletzt wegen seiner Entscheidung, der Antiterror-Koalition beizutreten. Die Amerikaner allein haben in den letzten Jahren über zehn Milliarden Dollar beigesteuert.

STANDARD: Vorwiegend Militärhilfe.

Kiessling: Ja nun – Rüstung hat Priorität für das Militär. Hätten Sie das Geld nicht bekommen, hätten sie sich weiter verschuldet. Der wirtschaftliche Erfolg hat zwei Seiten. Profitiert haben zum Großteil nur die Ober- und Teile der Mittelschicht in Pakistan. Beim Großteil der Bevölkerung in den armen Vierteln der Städte und auf dem Lande kam hiervon nichts an. Im Gegenteil, aufgrund höherer Preise stieg die Armut im Lande an.

Musharraf hat es dazu versäumt, das öffentliche Schulsystem zu reformieren und zu reaktivieren. Was floriert, sind derzeit nur teure Privatschulen und Koranschulen. Auf diese Weise können kaum Grundlagen für eine demokratische Entwicklung des Landes geschaffen werden.

Beim Versuch, sein Regime für den Westen akzeptabel zu machen, ließ Musharraf eine erstaunliche Nachrichten- und Pressefreiheit zu. Neu zugelassene private Fernsehstationen berichteten im Detail über Fehler und Schwächen der Regierung. Die erlaubte Presse-, Versammlungs- und Reisefreiheit schlägt jetzt auf das Regime zurück. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2007)