Wien - Raus aus Hedge Fonds und Immobilien, rein in ausgesuchte Aktien - vor allem in den Bereichen IT, Finanz und Energie. Untergewichtet werden sollten im vierten Quartal 2007 dafür Dividendenpapiere aus den Sektoren Grundstoffe, Telekommunikation und Versorger. Im Portfolio sollten sich nach Meinung der Anlageexperten der Raiffeisen Zentralbank (RZB) mehr Aktien (53 Prozent) als Anleihen (42 Prozent) befinden. Denn bei den relativ teuren Renten drohen Mittelabflüsse. Aktien seien infolge der allgemeinen Vertrauenskrise "günstig bewertet", also billig zu haben.

"Wir sind seit etwa zweieinhalb Monaten mit der stärksten Vertrauenskrise seit der Russland-Krise vor zehn Jahren konfrontiert, doch die ärgsten Turbulenzen liegen in der Vergangenheit und nicht mehr vor uns", schätzt RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek. Die Vertrauenskrise, die sich im Sommer auf die Banken übertragen hatte und bisher durch die "sehr ambitionierten Aktionen der Notenbanken" (Milliarden-Geldspritzen für die Finanzmärkte, Anm.) noch nicht ganz aufgelöst werden konnte, sei in einen Liquiditätsstau gemündet. "die Liquidität ist vorhanden, aber sie wird gehortet", betonte der Finanzexperte heute, Freitag, bei einer Pressekonferenz.

Europas Konjunktur läuft gut

Hedge Fonds und Immobilien (Alternative Investments) sollten heuer in den letzten drei Monaten zugunsten des Cash-Anteils auf Null zurückgefahren werden. Bei Aktien sei der europäische Raum deutlich bevorzugt, während US-Werte leicht untergewichtet werden sollten. In Europa lockten günstige Kurs-Gewinn-Verhältnisse und hohe Dividendenzahlungen, meinte der Leiter der RZB-Aktienmarktanalyse, Helge Rechberger.

Stark gedämpft seien vorerst noch die Erwartungen für die im Euro Stoxx stark gewichteten Finanzwerte im laufenden dritten Quartal. Diese eventuellen kurzfristigen Rückschläge sollten aber mit der Rückbesinnung der Anleger auf die "guten Fundamentaldaten in Europa" zu überwinden sein, ist Rechberger zuversichtlich. Die europäische Konjunktur habe zwar ihren Zenit bereits überschritten, laufe aber nach wie vor sehr gut.

US-Aktien günstig bewertet

Auch die US-Aktien seien nach dem Einbruch infolge der Krise auf den internationalen Finanzmärkte sehr günstig bewertet, insgesamt aber nicht so attraktiv wie die europäischen. Unterstützung biete dort mittelfristig der derzeit vergleichsweise teure Anleihenmarkt. Das Gewinnwachstum der Unternehmen im S&P 500 werde allerdings 2008 deutlich an Dynamik einbüßen und um nur 11,7 Prozent (2006:15,4 Prozent) wachsen. Die schlechte Marktstimmung könnte diese Erwartungen sogar noch nach unten drücken. Die US-Wirtschaft stehe vor einer längeren Durststrecke. Denn der Einbruch auf dem US-Immobilienmarkt hat den privaten Konsum - die wichtigste Konjunkturstütze in den USA - deutlich eingebremst.

Der europäischen Anleihenmarkt steht vorerst still: Infolge der Vertrauenskrise im Finanzsektor und der miesen Stimmung auf den Finanzmärkten ist die Emissionstätigkeit bei Unternehmensanleihen nahezu zum Erliegen gekommen - selbst bei Euro Non Financial Corporate Bonds. "Neue Anleihen werden derzeit nahezu ausschließlich von Banken und Industrieunternehmen hoher Bonität vergeben", so Brezinschek. Der Markt werde frühestens drehen, sobald die Unternehmensberichte - vor allem die Bankenberichte - für das dritte Quartal vorliegen.

In Sachen Staatsanleihen

Aus dem vermeintlich sicheren Hafen Staatsanleihen dürften die Mittel in den kommenden Monaten rasch wieder abgezogen werden. Im dritten Quartal dienten die Renten noch als Zufluchtsort. Doch sobald sich die Nervosität auf den Finanzmärkten wieder legt, müssen sich die Anleihen gegen steigende Inflationsraten und Zinsen durchsetzen. Die zwischengeparkten Mittel dürften dann wieder abfließen und für "erhebliche Kursrückgange bei den Anleihen" führen, erwartet die RZB.

Die absehbare Exportschwäche Europas infolge des teuren Euro im Verhältnis zum Dollar sollte in Europa durch einen starken privaten Konsum kompensiert werden können. Der Konsum wird die Exporte als Wachstumsstütze voraussichtlich ablösen. Im Verhältnis des Euro zum Dollar rechnet die RZB "nahezu täglich" mit "kurzfristigen neuen Höchstständen bis zu 1,42". Doch sobald sich die kursierenden Spekulationen auf Zinssenkungen als überzogen herausstellen, werde die Währungsrelation wieder nach unten korrigieren. "Die Dezember-Prognose lautet daher 1,38", sagte Brezinschek.

Derzeit kämpft die Europäische Zentralbank (EZB) mit zwei Problemen - dem Liquiditätsstau auf den Finanzmärkten und der steigenden Inflation. Das Paradoxon: Ersteres lässt vorerst keine weitere Zinserhöhung zu, zweiteres erfordert einen weiteren Zinsschritt. Als Inflationsgefahren in Europa zu orten sind das Geldmengenwachstum, die hohe Kapazitätsauslastung und vor allem die hohen Rohstoffkosten. Vor diesem Hintergrund sei ein Ende der Zinsanhebungen "eher Wunschdenken". Zum Jahreswechsel rechnet die RZB mit einer weiteren Anhebung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte, gefolgt von einer weiteren im ersten Quartal 2008. Bei 4,5 Prozent sehen die Marktexperten dann allerdings den Plafonds in diesem Zinsanhebungszyklus erreicht. (APA)