Werden Männer bei Scheidungen wirklich "massiv unterdrückt" und ihrer Menschenrechte beschnitten, wie es die FPÖ behauptet? Nein, meinen ExpertInnen. Allerdings würden Männer den Scheidungskampf schneller aufgeben. Änderungen der gesetzlichen Regelungen seien jedenfalls überlegenswert.

Für beide nicht profitabel

"Dass ein Geschlecht benachteiligt wird, kann man prinzipiell nicht sagen", berichtet der Scheidungsanwalt Alfred Kriegler aus seiner 20-jährigen Erfahrung. Probleme hätten Väter aber vor allem dann, wenn es darum geht, ihre Besuchsrechte einzusetzen. "Wenn die Mutter gute Argumente bringt, kann das schwer werden", so der Anwalt. Der Idealfall wäre seiner Meinung nach die von der FPÖ angesprochene gemeinsame Obsorgealso die Beibehaltung der Rechte und Pflichten für beide Elternteile. Diese wurde bereits eingeführt, werde in der Praxis jedoch "eher halbherzig" angewandt. Grund dafür ist, dass Eltern bei Entscheidungen, die das Kind betreffen, mitentscheiden dürfen, aber nicht müssen.

Wirtschaftlich profitiere jedenfalls niemand von der Scheidung: "Vielmehr ist sie für beide Parteien eine Armutsfalle", warnt der Scheidungsanwalt. Eine Änderung des Unterhaltsrechtes hält er für überlegenswert: "Man muss sich fragen ob es fair ist, wenn etwa Väter zur Gänze für Kinder zahlen müssen, obwohl sie die gemeinsame Obsorge haben."

Gewinner und Verlierer

Auch die von der FPÖ geforderte Änderung der Berechnung der Alimente wäre zu überdenken. Derzeit wird dafür das Einkommen der Mütter nicht miteinbezogen – auch nicht, wenn sie mehr als die Väter verdienen. "Eine Änderung bringt natürlich immer einen Gewinner und Verlierer hervor", merkt Kriegler an.

Ein Geschlechterunterschied, den der Anwalt in seinem Berufsalltag beobachtet hat, ist, "dass Frauen die Scheidung ruhiger angehen und sie dafür konsequenter durchziehen." Männer würden zwar viel reden, doch wenn es ernst wird, handeln sie unüberlegter.

Rechtlicher Rahmen ausgeschöpft

Ähnlich sieht das Familienforscherin Irene Tazi-Preve: "Männer geben schneller auf." In ihrem Buch "Väter im Abseits" hat sie die Gründe für Kontaktabbrüche zu den Kindern nach der Scheidung untersucht. Ob ein Geschlecht bevorzugt wird, könne man nicht pauschal sagen, außerdem gebe es dazu keine Statistiken. Eine rechtliche Benachteiligung der Väter sieht sie jedenfalls nicht "Die gemeinsame Obsorge wurde ja schon durchgesetzt. Mehr Rechte sind im Grunde nicht möglich."

Reden statt streiten

Das eigentliche Problem bei Scheidungen liegt Tazi-Preves Ansicht nach darin, dass Beziehungsdramen sich auf die Elternebene auswirken. "Männer wollen dann oft nicht zahlen, und Frauen den Kontakt abbrechen." Gesetzliche Änderungen seien deshalb nicht die Lösung. Besser wäre es, die Eltern bei Konflikten zu unterstützen. "Dafür muss verstärkt Mediation eingesetzt werden", rät die Familienforscherin.

"Leute, redet’s miteinander" rät Kriegler, der einen "Scheidungsratgeber für Männer" veröffentlicht hat, seinen Klienten als erstes. Denn seiner Meinung nach scheitern Ehen hauptsächlich an der fehlenden Kommunikation. Außerdem wichtig: "Männer dürfen ihre Väterrolle nicht aufgeben – und Mütter müssen die Väter auch Väter sein lassen." (lis/derStandard.at, 26. September 2007)