Wann hat eine Regierung zum letzten Mal auf Religiöse schießen lassen? Die Antwort lautet wohl: in Burma. Angriffe auf einzelne Geistliche hat es immer wieder gegeben - den katholischen Priester Jerzy Popieluszko hat der polnische Staatssicherheitsdienst 1984 umgebracht; Oscar Romero, den Erzbischof von San Salvador, erschoss ein von der Regierung bezahlter Killer.

Doch im Orwell-Staat Burma haben Attacken auf die buddhistischen Mönche gewissermaßen Tradition. Steht die Macht auf dem Spiel, wird auf den Straßen gefeuert. 1988 war das so, als Burmas Studenten die Demokratie wollten und die Mönche sich auf ihre Seite stellten. Schon 100 Jahre zuvor hatten sich die Geistlichen am Aufstand gegen die britischen Kolonialherren beteiligt und dafür bezahlt.

Der Schießbefehl gegen die Mönche in Rangun zeigt, wie sehr sich das Militärregime in die Enge getrieben fühlte. Die Propaganda über die angeblich aus dem Ausland gesteuerten Kuttenträger nimmt den Generälen niemand im Land ab. Die jungen Mönche kommen aus der Mitte des Volks.

Für die Junta birgt die Niederschlagung der Straßenproteste einige Gefahren: Abgesehen davon, dass sich die alten Männer mit den selbst verliehenen Orden an der Brust vermutlich um ihr eigenes Seelenheil bringen und in der Öffentlichkeit künftig von einem großen Teil des buddhistischen Klerus boykottiert werden, haben sich die Generäle ihrer gesellschaftlichen Stellung selbst beraubt. In einem Land, das mehr als 85 Prozent Buddhisten zählt, kommt der Angriff auf die Mönche einer politischen Exkommunikation gleich.

Than Shwe und seine Handlanger erkaufen sich den Verbleib an der Macht also sehr teuer. Gelingt ihnen die Unterdrückung der Demokratie-Revolte, bleibt die große Solidarisierung der Bevölkerung mit ihren Mönchen aus, können sie versuchen, ihr Scheinprojekt einer Demokratisierung mit einer neuen Verfassung fortzusetzen: mit 1100 politischen Häftlingen in den Gefängnissen (vor der neuen Repressionswelle), der Oppositionsführerin Aung San Su Kyi, die den Großteil der letzten 20 Jahren unter Hausarrest verbracht hat, und der internationalen Ächtung. Ein Passierschein für die Zukunft ist das nicht.

Burmas Militär hat in den bisher vier Jahrzehnten seiner Herrschaft das südostasiatische Land heruntergewirtschaftet und sich selbst bereichert. Das Bruttosozialprodukt liegt bei rund 200 US-Dollar pro Kopf, legt man den offiziellen Wechselkurs zugrunde, und 1800 Dollar, gemessen an der realen Kaufkraft im Land. Als die Tochter des Junta-Chefs Than Shwe im vergangenen Jahr heiratete, soll sie Geschenke für 50 Millionen Dollar eingesammelt haben; das Budget für die Gesundheitsvorsorge im Land beträgt ein Drittel davon.

Burmas Junta kann sich an der Macht halten, weil sie keine Skrupel hat, ihre Bürger zu malträtieren, aber auch weil sie auf den "Asian way" der Regierungen in den Nachbarländern setzen kann: keine lauten Kommentare, wegsehen, "stille Diplomatie", wenn es wirklich einmal zu arg mit der Verletzung der Menschenrechte werden sollte.

So funktioniert der südostasiatischen Staatenbund Asean, der vor ein paar Jahren auch Burma als Mitglied aufgenommen hat. So verhält sich selbst die Regierung im weiter entfernten Japan: "Ich glaube nicht, es ist klug, sich blind den westlichen Ländern anzuschließen und auf Myanmar zu schlagen", erklärte Regierungssprecher Nobutaka Machimura in Tokio dem Publikum. Zur selben Stunde feuerten die Soldaten in Rangun.

Burma ist ein wohl organisiertes Chaos: Seine Generäle verramschen das Holz des Landes nach China und lassen geschützte Tiere für die Küchen im großen Nachbarland abschlachten. Absprachen der Zentralregierung mit Milizen verschiedener Volksgruppen schaffen die Basis für den Opiumhandel und den Einsatz von Zwangsarbeitern. Ohne China und die Asean können Europa und die USA das Regime in Burma so viel sanktionieren, wie sie wollen - es wird nichts ändern. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2007)