Alfred Treiber

Foto: ORF/Johannes Cizek
Er bezeichnet sich selbst abwechselnd als Wanderprediger, Würschtl und wilden Mann. Doch vor allem leitet Alfred Treiber seit zwölf Jahren Kultur und Programm von Ö1.

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STANDARD: Wie fühlt man sich als einer der Väter eines 40-jährigen Geburtstagskindes?

Treiber: Es war eine Debatte, ob man das überhaupt feiern soll. Es gibt ja oft das leichte Bedauern: Mein Gott, war's früher schön, und jetzt ist es nimmer so schön. Aber die Stimmung bei uns ist eine ganz andere: So gut wie jetzt waren wir noch nie, und Gott sei Dank gibt es nicht mehr das, was es früher gegeben hat. Bis hin zum politischen Einfluss. Es wäre zwar naiv zu sagen, den gibt's heute nicht mehr. Aber in der frech-brutalen Weise, wie das früher geschehen ist, gibt es ihn nicht mehr.

STANDARD: Für Österreich eine erstaunliche Entwicklung. Wie war das möglich?

Treiber: Ich weiß nicht genau. Es wird damit zusammenhängen, dass der ORF mehr beobachtet wird als andere Unternehmen. Bei einigen Abteilungsleitern kann ich mir nicht vorstellen, dass man die politisch einordnen könnte, andere Besetzungen sind geradezu erstaunliche Entscheidungen, wenn man bedenkt, was politisch angesagt gewesen wäre.

STANDARD: Es soll im Radio ein anderes als das Abteilungsdenken eingezogen sein, sagt zum Beispiel der Ö1-Informations-chef Luis Glück. Ist das die verspätete Wirkung des Teams, das vor 30 oder mehr Jahren angetreten ist, um alles anders zu machen, Stichwort Music-Box und die Abteilung Jugend, Familie und Gesellschaft?

Treiber: Also was Ö1 betrifft, ist ja gut die Hälfte der Leute schon die nächste Generation, und für die ist das nur mehr ein Mythos. Aber ich kann mich noch gut an die Platzhirsche, die Kaiser von irgendeinem Gebiet erinnern: "der Literaturpapst", "der Religions-Chef". Deren ganzes Bestreben war, bei der Klientel ihres Schreibergartens gut angeschrieben zu sein. Das hat zu furchtbaren Kämpfen um Geld und Sendeplätze geführt, das war mörderisch. Heute machen wir eine Klausur, ohne besondere Aufregung. Na gut, der eine oder andere muss was hergeben, dann kriegt er wieder was dazu. Heute wissen die Leute, dass es den Erfolg nur gemeinsam geben kann. Der Durchschnitt muss gehoben werden.

Spitzenleistungen sind auch gut und notwendig, aber entscheidender ist, dass ein 24-Stunden-Radioprogramm auf einem gewissen Niveau ist, und dass man das noch ein bisschen steigern kann.

STANDARD: Man sagt im Radio-Umfeld, neben dem Treiber haben andere eh keine Chancen mitzureden. Wen würden Sie von sich aus nennen als Mitväter- oder mütter von Ö1?

Treiber: Die Chefredakteurin (Bettina Roither) nehme ich jetzt mal heraus, weil sie ja für alle Sender da ist. Aber da gibt es den Luis Glück als Ö1-Nachrichten-Verantwortlichen; in der Wissenschaft den Martin Bernhofer; den Rainer Rosenberg (Spezialprogramme); den Michael Schrott (Diagonal); neu dazugekommen ist der Clemens Kopetzky (Kommunikation), ein wesentlicher Motor für das Ganze; der Peter Klein (Hörspiel, Literatur und Feature) – um nur einige zu nennen. Und heute ist Willy Mitsche, der neue Hörfunkdirektor, ein Anspruchpartner für mich, ein mit viel Fingerspitzengefühl führender Chef.

STANDARD: Der Anteil der Landesstudios am Ö1-Programm ist ständig gesunken und liegt heute bei gerade 16 Prozent. Wieso? Ist das nicht ein Verlust?

Treiber: Die Landesstudios haben sich zu Vollprogrammen für das jeweilige Bundesland hinentwickelt. Dadurch wurden mehr und mehr Flächenredakteure beschäftigt und immer weniger für Ö1-Sendungen ausgebildetes Personal. Ich bin aber der Wanderprediger, der sagt, in allen Studios muss es zumindest einen Ansprechpartner für uns geben. Denn es gibt ja regionale Kompetenz, die wir ihnen nicht abnehmen können. Andererseits ist der Ehrgeiz der Zentrale gestiegen. Dafür spiegeln sich die Länder bei uns im Personal: Wir haben sehr viele Leute, die nicht aus Wien sind.

STANDARD: Wie weit strahlt – in den verschiedenen Bedeutungen – Ö1 über die Grenzen hinaus?

Treiber: Mit der Schweiz hat es immer kommunizierende Gefäße gegeben, wir haben auch einiges von ihnen abgeschaut, den Radio-Club (für DRS 2) zum Beispiel, dafür haben sie sich Ideen von uns geholt, und ihre Reichweiten sind von zwei auf ca. 4,5 Prozent gestiegen. Bei den Deutschen hingegen ist das schwierig. Da ist das engstirnige Denken gekoppelt mit großem Selbstvertrauen und Geld, und das führt in den meisten Sendern nicht dazu, dass das Vernünftige gemacht wird. Mir kann zum Beispiel niemand erklären, warum die Bayern fünf Programme machen, das ist ja absurd und völlig verfahren und kostet ein irres Geld.

Unsere Reichweiten wollen sie in Deutschland erstens nicht wirklich glauben. Zweitens war die längste Zeit die Ausrede: Gut, in Österreich gibt es ja keine Konkurrenz – das kann man jetzt nimmer sagen. Bleibt über: Aha, die Österreicher sind halt eine tolle Ausnahme. Von dem, was ich als Wanderprediger an Vorträgen halte, bleibt erstaunlich wenig hängen. Es wundert mich ein bissl, dass sie sich nicht mehr abschauen. Vielleicht glauben sie, dass sie in Wahrheit eh das bessere Radio machen als wir, dass nur das Volk leider nicht mitmacht. Ich weiß es nicht.

STANDARD: Spielt Österreich wegen Ö1 innerhalb der European Broadcasting Union EBU eine besondere Rolle?

Treiber: Bei den Kultursendern gibt es ein großes Bedürfnis nach Austausch und Zusammenarbeit, weil es sich bei den Kultursendern um sehr teure Produktionen handelt. Auf manchen Sektoren funktioniert das auch gut, in der Musik zum Beispiel. Da gibt es einen Pool, in den jedes Land etwas hineinstellt und dafür herausnehmen kann, was er will. Das sind immerhin ca. 2000 Sendungen im Jahr.

Mit der EBU ist es insofern schwierig, als es ein bürokratisch politischer Verein ist, in dem Hinsichtl und Rücksichtl so große Rollen spielen, dass auf verschiedenen Gebieten nichts weitergeht, denn dann würde man ja den oder jenen beleidigen. Insgesamt ist die sinkende Bedeutung der Kulturradios europaweit deutlich abzulesen. Da gibt es Reichweiten, etwa bei France Culture oder BBC 3, so zwischen 0,8 und 1,5 Prozent; die haben Glück, dass sie so einen großen Markt haben. Wenn wir in Österreich solche Reichweiten hätten, wären wir eine Lachnummer. Die Franzosen haben absolut weniger Hörer als wir hier, und sie sagen aber: Was wollt ihr, 500.000 ist doch gut, das sind die wichtigen Leute! Die sind zufrieden mit dem Zustand. Ich an ihrer Stelle hätte sehr depressive Gedanken.

Europaweit ist der Misserfolg nicht groß genug, dass einschneidende Maßnahmen denkbar werden. Für mich sind ein Hoffnungsgebiet die Nachfolgestaaten im Osten. Die erste Reaktion nach 1989 war ja: Die Kummerln sind weg, wir privatisieren alles und machen alle Popmusik-Sender. Da ist dann eine Qualität aus den Radios gekommen, das war unfassbar, und ein öffentlich-rechtliches Radio in unserem Sinn hat's nicht gegeben. Jetzt kommen sie langsam zu sich. In Bulgarien oder Rumänien gibt es sehr wohl Interesse an seriösen Kultursendern …

STANDARD: Nur Interesse, oder auch die Sender?

Treiber: Es gibt auch die Sender und die Strukturen, nur sehr wenig Geld. Aber die Erkenntnis ist wenigstens schon da, während diese Erkenntnis in den südeuropäischen Ländern überhaupt fehlt. Spanien ist zum Vergessen; Italien ist ein Witz, der Berlusconi hat die Rai ja komplett ruiniert; Griechenland, da findet man nichts Ernsthaftes. Sender als Ausgleich zu dem Lulu, was sie sonst machen, gibt es kaum. Das ist das Traurigste. Innerhalb der EBU spielen gerade diese Länder so gut wie gar keine Rolle.

STANDARD: Also für ein Europa auch sonst nicht untypisches Nord-Süd-Gefälle?

Treiber: Ja, und zwar ganz dramatisch.

STANDARD: Sie sagen, das Internetangebot wird zunehmen, aber das Radio wird nicht sterben, es wird eine neue Qualität der Kommunikation geben. Wie sieht die aus?

Treiber: Diese neue Qualität wird deswegen überleben, weil nirgendwo sonst im Äther ernstzunehmender Content erzeugt wird. Und das Bedürfnis danach sinkt nicht, sondern steigt. Der Trash ist das Normale. Und dann haben halt zehn bis 15 Prozent der Menschen das Bedürfnis nach etwas Vernünftigem, womit man sich auseinandersetzen, wo man etwas lernen kann. Die neue Qualität ist die Kombination zwischen diesen Inhalten und ihrer Distribution. Es wird das ganz Entscheidende am Radio sein, dass ich das, was ich hören will, mir zu jedem beliebigen Zeitpunkt holen kann.

STANDARD: Etwa die Journale, aber auch Kurzsendungen, die über den Tag verstreut sind, wie "Betrifft: Geschichte". Die gibt es ja als Podcasts.

Treiber: Die Sendereihe ist ein gutes Beispiel. Ich war davon überzeugt, dass sie ein Erfolg wird, weil das oft belächelte Schulwissen ein Bedürfnis ist. Und man versäumt dann immer eine Folge, dafür kann man alle abonnieren, herunterladen und sich anhören. Eine ähnliche Verschränkung von ernst zu nehmendem Content und Online-Distribution gibt es bei einzelnen Zeitungen. Insgesamt alles Minderheitenprogramme, die es aber immer geben wird, weil man sich mit Sinn und Werten immer auseinandersetzen wird.

STANDARD: Wie könnte der Fünfziger von Ö1 im Jahr 2017 aussehen, im besten und im schlimmsten Fall?

Treiber: Das Übel kann meines Erachtens nur seitens der Politik kommen. Da kann man nur hoffen, dass sich in den jeweiligen Parteien nicht die Kräfte durchsetzen, die an der Sache kein Interesse haben. Solange bei den politischen Entscheidungsträgern die Reaktion lautet "Man kann über alles diskutieren, aber nicht über Ö1, das ist in Ordnung", so lange hat man die Hoffnung, dass der Sender in den Grundwurzeln bestehen bleibt.

Dann kommt die Unternehmensführung als zweite Ebene dazu. Für die bisherigen Chefs war der Sender ja durchaus wichtig, ob jetzt aus innerer Überzeugung wie bei Gerhard Weiß oder aus verstandesmäßigen Management-Entscheidungen wie bei Zeiler, der am meisten für den Sender gemacht hat – denn der Bacher ist jetzt ein bissl bös auf mich, aber Tatsache ist, er hat nie etwas gemacht für Ö1, im Gegenteil, wir haben einen Haufen Schwierigkeiten gehabt. Immerhin, seine grundsätzliche Einstellung war, dass es wichtig ist, dass der Sender gehört wird, denn wenn er nicht gehört wird, verliert er irgendwie seinen Sinn – jedenfalls kommt es darauf an, dass ein Minimum an Reichweite nötig ist. Fünf Prozent ist das Minimum.

Sonst ist die Hauptsache, pathetisch gesagt, dass man uns arbeiten lässt. Ich finde, da gibt es eine große Anzahl von Profis auf der Führungsseite und eine Schar von hervorragenden Journalisten. Wenn man das nicht durch permanente Fehlentscheidungen gegen die Wand fährt, habe ich keine Bedenken. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es 50 Jahre Ö1 geben wird und dass die Reichweiten nicht unter das fallen werden, was ich als Ziel formuliert habe. Ich bin davon überzeugt, dass es nach so was immer ein Bedürfnis geben wird, genau so wie es immer ein Bedürfnis nach vernünftigen Zeitungen geben wird. (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2007)