Bestenfalls als österreichischer Sonderfall scheint der vermeintliche "Beschwichtigungshofrat" und geniale Dramatiker Franz Grillparzer in den letzten Jahren in Deutschland registriert worden zu sein. Doch nun eröffneten innerhalb einer Woche nicht weniger als drei deutsche Stadttheater mit Stücken des so genannten "Zweitklassikers" Grillparzer die Spielzeit.

Aufgeboten wurden allesamt Inszenierungen von Regisseurinnen, die ihrerseits die historischen Stoffe in zeitgenössische Kostüme zu kleiden wussten. Ein Frauenheld mag der Griesgram Grillparzer entgegen der landläufigen Fama ja schon immer gewesen sein – er trifft aber erst jetzt auf die richtigen "Partnerinnen".

Elina Finkel lässt in der Aachener Inszenierung von "Der Traum ein Leben" den mephistophelische Diener Zanga, den "Negersklaven", von einer Frau sprechen, die eine Puppe hält: Es ist die Instanz einer "inneren Stimme", mit der Rustan (wie in Kubricks "Shining" Danny) Zwiesprache hält und die ihn, unzufrieden mit der Langeweile der Gegenwart, in Traumwelten abgleiten lässt. Zuerst in die Welt der "Zauberflöte", dann in die des Vietnamkrieges von "Apocalypse Now" oder "Full Metal Jacket".

Geschlechterangst

Das wirkt ein wenig wie pädagogische Kritik an gewaltverherrlichenden Computerspielen, Grillparzers Finale geht jedenfalls so nicht auf: Träume machen die "Brust" nicht "schuldbefreit", gewähren keine "Götterlust", sondern lassen den Alltag zum Albtraum werden. Die biedere Geliebte Mirza erinnert beim Aufwachen Rustan allzu sehr an die geträumte, Gift mischende Hexe. Männer und Frauen wittern nur zu berechtigt die Gefahr, die ihnen voneinander droht.

Noch einfacher geschnitten ist Jacqueline Kornmüllers Inszenierung der "Jüdin von Toledo" im neu erbauten, von Uwe Eric Lauffenberg geleiteten Potsdamer Hans-Otto-Theater. Der Hof von Kastilien stellt in Potsdam eine sofort durchschaubare dekadente, nur auf Publicity gerichtete Gesellschaft dar, die sich auch sofort militärisch abzusichern weiß. Diffizile Probleme von Herrschaft oder gar die Frage des Zusammenlebens mit der jüdischen Gemeinde stellen sich nicht, wenn König Alfonso in die Affäre mit Rahel förmlich hineinschlittert. Wenn die Jüdin sich ehrerbietig vor ihren König wirft, zieht sie in Potsdam ihr schwarzes Kleid aus und bleibt dann den weiteren Verlauf der Aufführung über splitternackt, bis sie am Ende als Opfer der Staatsraison mit Klebebändern an der Wand fixiert wird (Bühneninstallation: Alexandra Hahn).

Fernseh-Soap-Ästhetik

Erstaunlich unverkrampft weiß dabei Julia Malik, oft in Fernseh-Soaps zu sehen, ihren jungen, schlanken Körper in Szene zu setzen, auch wenn irritiert, wie nahe dann doch Grillparzers Biedermeierfantasien an Pornografie grenzen. Mit psychologischer Raffinesse können die Potsdamer Schauspieler allerdings kaum aufwarten – und an die legendäre, auch im TV aufgezeichnete Salzburger Aufführung mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe darf man schon gar nicht denken.

Wie viel moderner Männer- und Frauenstolz, wie viel Verweigerung, Sturheit und Hingabe in Grillparzers Mann-Frau-Beziehungen steckt, kann hingegen das Paar Libussa und Primislaus – Michele Cuciuffo und Janina Sachau – überzeugend mit einem auch sonst gut disponierten komödiantischem Ensemble, vor allem bei den drei Wladiken, am Düsseldorfer Schauspielhaus demonstrieren.

Konstanze Lauterbach – bisweilen an Pina Bauschs Tanztheater erinnernd – stellt die Figuren unter die Dusche des Wasserfalls, lässt sie säen und mit der Kreissäge am neuen Prag arbeiten und öffnet die private und politische Vielschichtigkeit des Werks. Libussa, eigensinnig mit großen Augen, beinahe sogar resignierend, am Ende noch fröhlich lächelnd: Ihre Utopie vom Reich der Frauen macht bei Lauterbach die Borniertheit und die Gewalt der planenden Männer noch deutlicher.

Lauterbachs ergiebiger und lustvoller Zugang zu Grillparzer wird schon bald eine Fortsetzung erfahren, im November am Staatstheater Wiesbaden, auch sie inszeniert dann "Die Jüdin von Toledo". (Bernhard Doppler aus Düsseldorf / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2007)