Kiew/Moskau – Auch am zweiten Tag nach den vorgezogenen ukrainischen Parlamentswahlen konnte die Zentrale Wahlbehörde am Dienstag noch kein endgültiges Resultat verkünden. Ausgezählt waren gegen Abend aber 97,35 Prozent der abgegebenen Stimmen. Dabei hat sich im Laufe des Tages die Tendenz gehalten, dass die im russischsprachigen Landesteil starke „Partei der Regionen“ rund um Noch-Premier Viktor Janukowitsch um zwei Prozentpunkte zulegte und nun mit 34,16 Prozent auf Platz eins liegt.

Am Vortag hatte es noch so ausgesehen, dass die orange Revolutionsikone Julia Timoschenko mit ihrem „Block Julia Timoschenko“ stimmenstärkste Partei wird. Sie sackte jedoch leicht auf 30,84 Prozent ab, was freilich nichts daran ändert, dass sie mit etwa 8,5 Prozentpunkten Zugewinn die Überraschungssensation der Wahl geliefert hat.

Gemeinsam mit den 14,29 Prozent der Partei NU-NS des Präsidenten Viktor Juschtschenko käme sie auf eine knappe Mehrheit im 450 Sitze starken Parlament. Zuletzt hatten sich beide Seiten ja für eine Koalition unter der Führung Timoschenkos ausgesprochen, wiewohl frühere Versuche nach der Orangen Revolution im Konflikt geendet hatten und gerade Großunternehmer im Lager von NU-NS auch mit Janukowitsch liebäugeln.

„Goldene Karte“

Janukowitsch, der seinerseits auch Anspruch auf die Regierungsbildung erhebt, könnte zwar die Kommunisten und den Block des Ex-Parlamentspräsidenten Wolodymyr Litwin zur Koalition gewinnen, weil aber die Sozialisten den Einzug ins Parlament ums Haar nicht mehr schafften, geht sich eine Mehrheit nicht aus. So hat Litwin die „goldene Karte“ gezogen, er wird nun von beiden Seiten umworben.

Das offizielle Endergebnis wird am 15. Oktober bekannt gegeben. Danach sind zwei Monate Zeit bis zur Bildung der neuen Regierung. Die alte war aufgrund der politischen Pattsituation gescheitert. Das Fehlen einer klaren Mehrheit droht die Dauerkrise fortzusetzen. Juschtschenko hat sicherheitshalber bereits seine Auslandstermine abgesagt. (sed/DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2007)