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André Glucksmann ist französischer Philosoph und Publizist; im Verlag Nagel & Kimsche erschien zuletzt sein Erinnerungsband "Wut eines Kindes. Zorn eines Lebens".

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Der iranische Präsident Ahmadi-Nejad: Laut Glucksmann für die "derzeit ernsteste Krise" verantwortlich.

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Ein Wort, und schon erhebt sich ein Sturm der Entrüstung, beginnt die Tinte in den Fässern der Kommentatoren zu brodeln, schleudern die Ministerien des westlichen Europa ihre Missbilligung auf wenig diplomatische Weise in die Welt hinaus. Hat der französische Außenminister Bernard Kouchner eine Blasphemie begangen, als er sagte, dass das iranische Streben nach der Bombe die Gefahr eines Krieges berge, dass es notwendig sei, sich dagegen zu wappnen? Naivität? Mangel an Professionalität?

Als ich neun Monate vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich zusammen mit Yasmina Reza und Pascal Bruckner den Kandidaten Sarkozy über die großen Leitlinien seiner Außenpolitik befragte, war seine Antwort klar und unmissverständlich: "Die Iran-Krise ist derzeit ohne Zweifel die ernsteste internationale Krise." Ein Jahr später trifft die Diagnose sogar noch mehr zu als damals.

Womit begegnen wir dieser schwierigen Lage? Mit "Festigkeit" antwortete der künftige Präsident, dessen Einstellung sich augenscheinlich nicht geändert hat. Die neue Festigkeit Frankreichs beginnt mit einem neuen Vokabular. Paris verzichtet auf Euphemismen und sprachliche Tabus: Wenn das Risiko des Krieges besteht, gibt es keinen Grund, dies zu kaschieren.

Wie ein Schuss

Wenn der Weise auf den Mond zeigt, schaut der Dumme auf den Finger, heißt es. Wenn Kouchner von "Krieg" spricht, glauben viele Europäer, dass es sich um ein hässliches Wort handelt, welches wie ein Pistolenschuss in die diskret-gediegene Atmosphäre respektvoller Verhandlungen gefeuert wurde. Die Dinge liegen anders. Das heimliche wie völkerrechtswidrige Bestreben des Iran, die Schwelle zur militärischen Atommacht zu überschreiten, wurde bereits im August 2002 aufgedeckt. Die seither vorwiegend von London, Paris und Berlin geführten Verhandlungen haben zu nichts geführt.

Es ist an der Zeit, das Risiko klar zu benennen. Sämtliche Experten sind sich über die technologischen Möglichkeiten der iranischen Atomindustrie einig: Noch zwei bis vier Jahre, und das Land ist so weit. Doch reicht die Aussicht eines atomar bewaffneten Iran aus, um die Demokratien in aller Eile zum Handeln zu bewegen?

Gewiss, der Kalte Krieg ist im Großen und Ganzen kalt geblieben. Doch diese jahrzehntelange Balance war keineswegs selbstverständlich, denkt man an die Kuba-Krise von 1962. Glaubt man amerikanischen und russischen Archiven, stand die Welt damals am Rand des Abgrundes, und nur der Umsicht Kennedys und Chruschtschows ist es zu verdanken, dass sie nicht hineinstürzte.

Die Vorstellung, die iranische Bombe könnte für den Weltfrieden ohne Folgen bleiben, ist die dümmste aller Selbsttäuschungen. Denn Saudi-Arabien, die Türkei und Ägypten werden sich schwerlich mit einer nuklearen Hegemonie des Iran in der Region abfinden. Vor Nebenwirkungen wird gewarnt! Im politischen Flickenteppich des Nahen Ostens, in dem alles mit allem verwoben ist, auf dem das Große Spiel um Gott und ums Öl gespielt wird, zeichnet sich ein nuklearer Bürgerkrieg ab - ob sich die Pfuscher von Teheran dessen bewusst sind oder nicht.

Hat niemand etwas aus dem irakischen Alptraum gelernt? Mit Blick auf das Zweistromland ist viel von "Guerilla-Krieg", von "Vietnamisierung" etc. die Rede. Aber trifft das den Kern der Sache?

"Kollaborateure"

Der Widerstand gegen Hitler, die antikolonialen Aufstände richteten sich in erster Linie gegen ausländische Invasoren, in zweiter Linie gegen "Kollaborateure" und zur Einschüchterung gegen die eine Bevölkerung. Im Irak ist die Reihenfolge der Ziele vertauscht worden.

Die GI sind nicht der Feind Nummer eins, in den vier Jahren ihres Einsatzes haben sie 3700 Mann verloren. Unter den Irakern zählt man während eines einzigen "heißen" Monats 3000 Opfer, vor allem Frauen und Kinder. Sie werden nicht von den Amerikanern in die Luft gesprengt, sondern von den sogenannten "Aufständischen". Bisher kannte man die Strategie der "verbrannten Erde". Im Irak gilt die Strategie der "verbrannten Bevölkerung". Es ist der absolute Krieg gegen das eigene Volk.

Die Mullahs im Iran sind durch das Geschehen im Nachbarland nicht gerade zu Tränen gerührt. In ihren Augen ist die theologisch ruhmvolle Aufgabe, das Zionistengebilde zu vernichten und anschließend die universelle Jagd auf Kreuzritter und Ungläubige zu eröffnen, das Opfer des eigenen Volkes wert.

Die terroristische Selbstopferung und die Opferung der eigenen Bevölkerung ist keine unbekannte Pathologie. Dass derlei kollektive Grausamkeiten bereits Montaigne verfolgten, dass auch Grimmelshausen das Blut und die Verwüstung schilderte, erinnert uns daran, dass Europa diese Pest sehr wohl kennt. Aber keiner der blindwütigen Schlächter früherer Tag verfügte über atomares Spielzeug. (Aus dem Französischen von Daniel Eckert/(DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2007)