Die mancherorts lauter werdenden Rufe nach einer militärischen Aktion gegen das iranische Regime beunruhigen und verstören. Das gilt auch für die hier publizierte Grußbotschaft von Widerstandsarchiv-Leiter Wolfgang Neugebauer ("Aus dem Holocaust nichts gelernt?, Standard, 29. 9.) anlässlich einer Anti-Iran-Kundgebung der Israelitischen Kultusgemeinde, in der der Verfasser die unterstellte Absicht des iranischen Regimes, Israel zu vernichten, als drohende Gefahr einer zweiten - diesmal nuklearen - Shoah qualifiziert. Aus diesem Zerrbild der Sicherheitslage im nahöstlichen Raum wird dann - für den Fall ergebnisloser Verhandlungen - die dringliche Notwendigkeit militärischer Maßnahmen gegen den Iran abgeleitet. Zugleich wird den Mahnern zur Besonnenheit unterstellt, von antisemitischen Motive geleitet zu sein, und damit eine sachliche Debatte unterbunden.

Neugebauer geht in seiner Einlassung aber noch einen Schritt weiter: Nicht nur Israel sei von der Auslöschung bedroht, dem Iran wird sogar die Fähigkeit und die Absicht zugeschrieben, gleichsam die gesamte aufklärerische Moderne hinwegzufegen. Der Gegner wird solcherart immer monströser und der Krieg zu einem selbstverständlichen Akt der Notwehr gegen eine als existenziell imaginierte Bedrohung der westlichen Zivilisation.

Generell gilt: Solange die Debatte über die Sicherheitslage im Nahen Osten unter dem Deutungsvorbehalt des Verzichts auf Kritik an Israel steht, ist sie nicht sinnvoll führbar: Der Vorwurf des Antisemitismus beschneidet die Denk- und Redefreiheit und verhindert so eine differenzierte Auseinandersetzung mit den treibenden Kräften des Konflikts. Kritik an der islamistischen Ablehnung humanistischer Werte ist natürlich berechtigt und notwendig. Aber den Iran gleichsam als dämonische Inkarnation dieser Haltung darzustellen, reduziert die Komplexität der Lebenswirklichkeit in der Region. Weder Islamophobie noch Antisemitismusvorwurf sind gute Ratgeber für den Umgang mit Iran.

Die militärische Nuklearoption des Iran ist eine unglückselige Entwicklung, die es zu verhindern gilt, wenn auch Verhandlungen und gezielte Sanktionen bislang kaum Ergebnisse zeigen. Aber zugleich ist vor der Losung zu warnen, die immer mehr Anhänger zu finden scheint: "Entweder Bomben auf Iran, oder die iranische Bombe." Wenn die nukleare Waffenoption Irans durch zivile Mittel nicht verhindert werden kann, ist dies nicht als automatischer Schrankenöffner für einen Krieg gegen den Iran zu werten.

Die Gegenoption zur vermeintlichen Alternative "'Nuklearverzicht oder Krieg", wäre: Einhegung eines dann allenfalls nuklear bewaffneten Iran durch ein durchdachtes und besonnenes System der regionalen Abschreckungslogik. Zumal dafür die nukleare Bewaffnung Israels und der nukleare Schutzschirm der USA über der Region ausreichende Instrumente sind. Zudem konnten die Kriegsbefürworter bisher kein einziges sachliches Argument liefern, warum das iranische Regime die Atomwaffe, so es über sie einmal verfügt, gegen Israel einsetzen sollte.

Die ständigen Bezüge auf die widerwärtigen Auslassungen Ahmadi-Nejads sind zur Beweisführung untauglich: Sie verkennen die komplexen, sich wechselseitig ausbalancierenden Institutionen der islamischen Diktatur im Iran. Das wirre Gefasel ist kein Drehbuch für die iranische Außenpolitik, der Iran kein irrationales Regime, das seine Selbstvernichtung anstrebt, auch wenn die Aussagen des Präsidenten das manchmal nahe legen.

Wer dennoch beharrlich an der Dämonisierung des Iran als den unausweichlichen atomaren Vernichter des jüdischen Staates Israel arbeitet, missbraucht die Erinnerung an die Shoah - absichtlich oder fahrlässig. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2007)