Wiewohl am Standort in Linz Millionen investiert werden, schmiedet die Voest bereits Pläne für mächtige Erweiterungen in Osteuropa.

Foto: Voestalpine
Linz/Wien – Wenn Voest-Chef Wolfgang Eder wegen der finanziellen Belastungen durch Umwelt- und Klimaschutzauflagen mit einem Investitionsstopp droht, dann ist das mehr als eine leere Drohung: Der Stahl- und Verarbeitungskonzern sucht ernsthaft nach Alternativen zum Standort Linz.

Wie der STANDARD aus Aufsichtsratskreisen erfuhr, wird in der Voestalpine unter dem Codenamen "Edelweiß" intensiv an einem Investitionsprojekt in Rumänien gearbeitet. Bei "Edelweiß" handelt es sich nicht um "vergleichsweise kleine Investitionen" wie das am Mittwoch präsentierte Stahlservicecenter (SSC), das bis 2009 um rund 18 Millionen in Giurgiu, rund 60 Kilometer südlich von Bukarest, errichtet wird. Es geht laut Insidern um ein ganzes Stahlwerk in der Größenordnung des Stammwerks in Linz. Denn der Produktionsausstoß des Rumänien-Projekts wird in Aufsichtsratskreisen mit 5,4 Millionen Tonnen Rohstahl beziffert.

"Wir kommentieren Gerüchte nicht"

Die erste Ausbaustufe, die in der Aufsichtsratssitzung vor einer Woche offenbar bereits recht heftig diskutiert wurde, taxieren Insider auf 500 bis 600 Millionen Euro. Sie soll in unmittelbarer Nachbarschaft des neuen SSC errichtet werden. Dass das Grundstück bereits erworben wurde, stellt man bei der Voest ebenso in Abrede, wie Informationen, wonach bereits eine Grundsatzentscheidung gefallen sei. "Wir kommentieren Gerüchte nicht", sagt ein Voestalpine-Sprecher.

Dem Vernehmen nach steht Rumänien intern noch in Konkurrenz zu einem Standort in der Ukraine. Das wird in Aufsichtsratskreisen allerdings als wenig wahrscheinlich skizziert. Offen sei, weil das Projekt noch in einem sehr, sehr frühen Stadium sei, auch noch, welche Art von Stahlhütte (Corex, Finex) errichtet werden soll. Die Evaluierung laufe auf Hochtouren, an dem Projekt arbeiteten einige Dutzend Mitarbeiter.

Als Hauptmotiv für die Expansion an die östliche EU-Außengrenze werden neben billigerem Rohstofftransport auf der Donau und der Nähe zu den Autoherstellern insbesondere die Umweltkosten in Österreich genannt. Allein die CO2-Emissionszertifikate würden die Tonne Stahl um 50 bis 60 Euro verteuern – bei sechs Millionen Tonnen Rohstahl pro Jahr eine stattliche Summe. Insgesamt hat Eder die Mehrkosten im Umweltbereich in Westeuropa gegenüber China mit rund 300 Mio. Euro beziffert. Und die Investitionsentscheidungen, die aufgrund dieser widrigen Umstände auf den Prüfstand gestellt werden müssten mit einer Größenordnung von 1,5 bis zwei Milliarden Euro.

"Linz nicht in Gefahr"

Was nicht in Gefahr ist: "L6", die nächste Ausbaustufe nach "Linz 2010" (zwei Mrd. Euro) um rund 700 Mio. Euro, mit der die Rohstahlproduktion in Linz von 5,1 Mio. im ersten Schritt auf sechs Mio. und im bereits geplanten zweiten auf 6,5 Mio. Jahrestonnen steigen.

Wovon Branchenkenner ausgehen: Dass in Rumänien bald, möglicherweise sogar in einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung Ende Oktober Nägel mit Köpfen gemacht werden sollen. Bis dahin wird die Voest den politischen Druck, das Kioto-Nachfolgeprogramm (ab 2012) nicht ausschließlich zulasten der Industrie gehen zu lassen, dramatisch erhöhen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.10.2007)