Heute ist Weltlehrertag. Sein Motto: "Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Lehrer verbessert die Lernbedingungen für Schüler." Sehr schön. Allein, die österreichischen Lehrer, vor allem an allgemein bildenden höheren Schulen (AHS), aber auch Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen (BMHS) haben sich für eine etwas eigentümliche, weil rein eigennützige Interpretation entschieden: Sie befinden sich seit gestern im aktiven Abwehrkampf gegen die von Bildungsministerin Claudia Schmied geplante "Neue Mittelschule".

Ein Name, den die höheren Lehrergewerkschafter in ihren Papieren an die Kollegenschaft natürlich sofort enttarnen als "Gesamtschule unter neuem Namen". Und das ist ja der Hort allen Übels schlechthin - zumindest für die AHS- Lehrer und die ÖVP zuvorderst. Dagegen wird jetzt mobilisiert, indem man in Dienststellenversammlungen über "drohende Veränderungen" im Schulorganisationsgesetz informiert. Ja, um nicht weniger als die von Schmied angeblich geplante "Schädigung" der Schule soll es gehen - und das alles unter dem Deckmantel gewerkschaftlicher Arbeit.

Bloß, weder die jetzt geplanten Modellregionen für die gemeinsame Schule aller Kinder noch eine mittelfristig beabsichtigte Einführung dieses Schulmodells, das in immer mehr Studien beste Werte für seine intellektuelle und soziale - Stichwort Gerechtigkeit! - Leistungsfähigkeit gleichermaßen bescheinigt bekommt, sind eine arbeitsrechtliche Frage, die jetzt von der Lehrergewerkschaft zu attackieren wäre. Es handelt sich um eine politische Vorentscheidung für ein pädagogisches Modell, das zuerst einmal inhaltlich diskutiert gehört. Aber eine pädagogische Debatte über die gemeinsame Schule verweigern die Gesamtschulgegner ja bis jetzt.

Es ist ein Armutszeugnis, wenn die AHS-Lehrergewerkschafter in einem "Handout" für Kollegen im Argumentationsnotstand gegen die gemeinsame Schule allen Ernstes gleich im ersten Punkt den "Unterricht in extrem heterogenen Klassen" anführen. Und jetzt wähnen sie sich in homogenen Klassen?! Leider unterrichten viele tatsächlich so.

Vielleicht erklärt dieses verklärte Bild der homogenen AHS-Gemeinschaft die Tatsache, dass in Österreich auch die Gymnasien bei Pisa deutlich schlechter abschneiden, als es diese Schulform in anderen Ländern tut: Weil eben viele der lehrenden Vertreter der Homogenitätsthese noch immer der Illusion anhängen, sie bekämen im Gymnasium eine "aussortierte", "bereinigte", schlicht die "bessere" Schüler-Population vorgesetzt. Dabei sind nicht erst seit Pisa große Überschneidungen der Leistungen von Hauptschul- und AHS-Kindern wissenschaftlich belegt. Die Vorselektion funktioniert also schlicht nicht. Kinder sind komplexer und unterschiedlicher, ja, heterogener, als es die künstliche Trennung in zwei Gruppen zu suggerieren versucht. Das ist das Schöne und das Schwierige am Lehrberuf.

Das pädagogische Konzept der gemeinsamen Schule macht das Faktum der Heterogenität der Schüler produktiv. Die Unterschiedlichkeit wird nicht geleugnet, sondern durch die selbstverständliche innere Differenzierung und hochgradige Individualisierung bearbeitet - erfolgreich, wie die Ergebnisse beweisen.

Einen Arbeitsplatzverlust müssen die AHS-Lehrer nicht befürchten, denn eine Schule, die so bewusst mit Stärken und Schwächen der Kinder arbeitet, braucht sicher mehr qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen als jetzt. Also bitte keine Panikmache, dass Jobs gefährdet seien.

Wie die AHS-Gewerkschafter auf die Idee kommen, in der Gesamtschule müssen Lehrer "auch Fächer unterrichten, für die sie nicht ausgebildet werden", ist rational nicht nachvollziehbar, darf also getrost unter parteipolitische Agitation abgehakt werden.

Aber dagegen sein wird man ja wohl noch dürfen . . . Aber sicher doch. Nur dann bitte in der Freizeit und nicht auf Kosten der Schüler. Denn spätestens seit Elisabeth Gehrer, der heimlichen Schutzheiligen der Gesamtschulgegner, gibt es eine "Unterrichtsgarantie". (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 5. Oktober 2007)