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Millionen Bahn-Kunden kamen am Freitag in Deutschland zu spät zur Arbeit, weil nur rund die Hälfte der Regionalzüge fuhr.

Foto: AP/Stache
"Pass auf, da sind doch die Gläser drinnen", sagt Hartmut Ullrich zu seiner Frau Hannelore. Schuldbewusst richtet sie sich auf und verwendet die blaue Reisetasche nicht länger als Couch-Polster auf der harten Wartebank am Berliner Hauptbahnhof. Die Stimmung ist ohnehin nicht die beste: "Eine Frechheit ist das", ruft Papa Ullrich und schimpft mit Blick auf den leeren Bahnsteig: "Verhandlungen müssen am Verhandlungstisch geführt werden, dieser Zwist aber wird auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen."

Seit einer Stunde sitzt das Ehepaar auf dem Bahnhof, anstatt im Intercity nach Stralsund einer Familienfeier samt Wohnungseinweihung der Tochter Jasmin entgegenzufiebern, denn der Intercity fährt nicht. Wussten sie denn nichts vom Bahn-Streik? "Ja schon", sagt Herr Ullrich, "aber Tickets und Hotel sind seit Wochen gebucht, wir müssen da heute hin." Noch aber warten sie. "Vielleicht kommt der Zug ja schlagartig um elf Uhr", meint Frau Ullrich. "Haha", sagt Herr Ullrich.

Festgefahrene Verhandlungen

Von acht bis elf Uhr Vormittags hat die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) ihren Streik angesetzt, um bei den seit Monaten völlig festgefahrenen Tarifgesprächen Druck zu machen: 31 Prozent mehr Lohn und ein eigener Tarifvertrag, lautet nach wie vor die GDL-Forderung. Zehn Prozent mehr bietet die Bahn, aber das nur, wenn die Lokführer auch Mehrarbeit leisten.

Dem Streiktag ist ein hektischer gerichtlicher Marathon vorangegangen und erst in der Nacht auf Freitag hat das Arbeitsgericht Chemnitz entschieden, dass die "Verhältnismäßigkeit" gewahrt werden müsse: Die Lokführer dürfen nicht den Güter- und den Fernverkehr bestreiken, aber Züge des Nah- und Regionalverkehrs stehen lassen.

Das war zu knapp für die Deutsche Bahn, die sich für diese vierte Streikrunde eigens einen generellen Notfall-Plan (also auch für den Fernverkehr) zurechtgezimmert hatte und diesen nun nicht mehr korrigieren konnte. Die Folge: Auch bei den rund 750 Fernzügen fällt ein Drittel aus. Doch von den 20.000 Regionalzügen steht den ganzen Tag lang die Hälfte still.

Forderung "etwas happig"

Angelika Ebert aus Braunschweig hat es sich auf Bahnsteig 13 gemütlich gemacht, ihr Regional-Express fährt nicht. "Ich kann die Lokführer schon verstehen", sagt sie, "wenn die Bahn sich mit Börsengang und schwarzen Zahlen brüstet, dann muss sie ihre Mitarbeiter auch ordentlich bezahlen." Die Forderung nach 31 Prozent Lohnplus findet sie allerdings schon "etwas happig". Um 10.51 Uhr schaut die junge Frau sehnsüchtig auf Gleis 14, wo es wuselt wie im Ameisenhaufen. Der ICE nach Bonn fährt pünktlich und wer nur irgendwie in diese Richtung will, schaut, dass er mitkommt. "Schnell, beeil dich, heute wird uns die Reservierung nicht viel nutzen", ruft ein Mann seiner Frau ahnungsvoll zu, während er die beiden Koffer schnappt.

Aus der Menge der Reisenden leuchten immer wieder rote Kappen - jene der geduldigen Service-Mitarbeiter der Bahn, die den Passagieren helfen. "Wir schauen, dass die Leute mit den vorhandenen Zügen so weit wie möglich kommen", sagt eine Mitarbeiterin, die ihren Namen lieber nicht nennen will. Möglicherweise muss sie am Montag schon wieder Bahnhofs-Seelsorge leisten, denn die GDL, die von der Bahn kein neues Angebot bekommt, erwägt einen weiteren Streiktag.

Auch Reisende aus Österreich bekommen den Bahn-Streik zu spüren: Zwei Eurocity aus Wien enden bereits in Salzburg, für einen Intercity aus Innsbruck ist schon in Lindau Endstation. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.10.2007)