Timoschenko gegen Janukowitsch, orange gegen blau, der Westen gegen den Osten. Kaum etwas erinnert in Uzhgorod, der westlichsten Stadt der Ukraine, noch an die ukrainischen Wahlen, geschweige denn die orangene Revolution vor drei Jahren. Während der Osten und der Süden des Landes seit Jahren mit großer Mehrheit für den pro-russischen Viktor Janukowitsch stimmen, unterstützen der Westen und die Mitte der Ukraine die westlich orientierten Kräfte der "Orangenen Revolution" von 2004.

Foto: Khorsand/derstandard.at

Vor drei Jahren stand Mischa Fedor auf der Straße, hat demonstriert, Poster geklebt und die orangene Armbinde getragen. Heute arbeitet der Absolvent eines slowakischen Philologie-Studiums beim nationalen Radiosender und als Barkeeper im Club "Deep" in Uzhgorods Innenstadt. Es ist fast Mitternacht und das Lokal, beschallt von Trance-Musik und dekoriert mit afrikanischen Skulpturen und chinesischen Drachen, beginnt sich zu leeren. "Die Revolution war gut. Sie wird ihre Zeit dauern. Nichts lässt sich an einem Tag ändern", sagt der 24-Jährige optimistisch bevor er wieder hinter die Bar muss.

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Erst vor drei Wochen hat die 21-Jährige Vera Martynova (ganz rechts) den Club mit einigen Freunden eröffnet. Fast alle haben sie Julia Timoschenko ihre Stimme gegeben. Ob sie es dieses Mal in die Regierung schaffen wird, bezweifeln sie dennoch.

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"Sie wird nie Premierministerin werden. Man wird sie nicht lassen", sagt die 26-jährige Bretsko und nippt an ihrem Balsam, der ukrainischen Version von Jägermeister. Während der Revolution hat sie als Radiojournalistin in Uzhgorod gearbeitet. "Ich war stolz auf mein Land. Plötzlich kannte man die Ukraine. Egal wo du hingekommen bist im Ausland, alle sprachen dich plötzlich auf die orangene Revolution an", erzählt die Bankangestellte stolz.

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Feya Violeta Lubing (links) hat dieses Mal nicht gewählt. Zu mühsam war der Absolventin eines Wirtschaftsstudiums die Registrierung, die einen Tag gedauert hätte. "Bei uns wird ständig gewählt. Und was ändert es?", sagt die 24-Jährige desillusioniert und starrt auf einen Bildschirm, auf dem ein Musikvideo des niederländischen Trance-DJs Ferry Corsten zu sehen ist. Ihre Freundin Yara Yaroslava Bretsko gab ihre Stimme Julia Timoschenko.

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Vera Martynova, die Managerin vom Club "Deep", war in ihrem ersten Jahr an der Fakultät für Jus an der Universität in Uzghorod, als die orangene Revolution stattfand. "Ich und drei andere Kollegen waren die einzigen von der Fakultät, die an den Protesten teilgenommen haben", sagt sie. Als die Lokal-Zeitungen mit Bildern der Revolution coverten, auf denen auch Martynova zu sehen war, bekam sie es mit der Angst zu tun. "Ich habe befürchtet, dass ich von der Uni geschmissen werde. Schließlich war unser Fakultätsleiter ein Janukowitsch-Anhänger", erzählt sie. Es kam anders. Die Professoren respektierten sie für ihr Engagement.

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Bei einem Premier Janukowitsch sieht Martynova einen zunehmenden Einfluss Russlands auf die Ukraine. Langfristig gesehen könnte dann Ukrainisch von Russisch verdrängt werden, wenn Janukowitschs "Partei der Regionen" das Sagen im Land hat, so die Befürchtungen der 21-Jährigen.

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Martynovas Sorgen teilt Jane Popovich nicht. Die 18-Jährige hat dieses Jahr zum ersten Mal gewählt. Nur ungern wird sie zu ihrem Wahlverhalten befragt. Irgendwann sagt sie es dann doch ganz leise: die Partei der Regionen. Danach versteckt sie ihr Gesicht hinter ihrem Cappuccino, den sie im Café Medelin trinkt, nicht unweit der Universität. Dass Russisch unter Umstände die zweite Amtssprache wird, befürwortet sie. Denn dann würden es die Kinder in der Schule automatisch lernen. "Ich habe russische Verwandte. Es wäre doch gut, wenn ich mich mit ihnen besser verständigen könnte", sagt sie. Vor drei Jahren hätte sie vielleicht auch die Revolution unterstützt. Heute definitiv nicht. "Die Regierung hat nichts geleistet. Außerdem hat Janukowitsch den Studenten mehr Stipendien versprochen", argumentiert Popovich ihre Entscheidung.

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"Die Leute sind enttäuscht von der Revolution. Es geht ihnen nicht schnell genug", sagt Alexander Grabar, der einen Tisch weiter seinen Espresso schlürft. Der Physikprofessor der "Uzhgorod National University" hat Timoschenko gewählt, weil er sie für konsequent hält, für "Eine, die zu ihrem Wort steht."

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Die vergangenen drei Jahre hat Grabar trotz innenpolitischer Querelen als befreiend empfunden. "Man fühlt sich politisch einfach freier. Wie in einer richtigen Demokratie", sagt Grabar und fügt hinzu: "Die Ukraine ist auf dem richtigen Weg. Es liegt nicht länger an den Leuten das Land zu verändern, sondern an der Politik."

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Seine Botschaft: Auch wenn die Leute nicht länger auf die Straße gehen. Die orangene Revolution ist nicht vergessen. Vielleicht findet sie nur woanders statt. (Solmaz Khorsand, derstandard.at/9.10.2007)

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