Wien - Die Meinl Bank und die nach umstrittenen Aktienrückkäufen in Turbulenzen geratene börsenotierte Meinl European Land (MEL) stellen seit Wochen vehement jede Verquickung miteinander in Abrede. Die Experten der Ratingagentur Standard & Poor's kommen in einem ausführlichen Bericht nach der jüngsten Rating-Rückstufung auf "Junk-Status" nun aber zu ganz konträren Beurteilungen, was die "Unabhängigkeit" der MEL von der Meinl Bank betrifft.

Obwohl die MEL in breitem Streubesitz sei, werde die Gesellschaft durch die Meinl Bank Gruppe kontrolliert, und zwar über die 100prozentige Meinl-Bank-Tochter Meinl European Real Estate (MERE), die das strategische Management über die MEL überhat. Zudem seien vier von sechs Mitgliedern des MEL-Boards Manager mit Naheverhältnis zu Meinl. Diese dominierten das Board von MEL.

PPS von Board of Directors kontrolliert

MEL ist an der Wiener Börse gelistet. Wie auch Standard & Poor's fest hält, gibt es keinen Mehrheitsaktionär. Allerdings: Mehr als 40 Prozent der Stimmrechte in Form der so genannten Partly Paid Shares (PPS; teileinbezahlt, aber mit vollen Stimmrechten ausgestattet) seien in Händen von ungenannten institutionellen Investoren, dürften laut S&P vermutlich aber vom Board of Directors kontrolliert werden (wörtlich:..."but are believed to be under the control of the company's board of directors".)

Die MEL-Managementgesellschaft MERE (Meinl European Real Esate) gehört zur Gänze der Meinl Bank Gruppe, die Teil der Julius Meinl-Gruppe sei. Die Meinl Bank, die letzten Endes von der Julius Meinl Gruppe kontrolliert werde, habe einen "signifikanten Einfluss" über die MEL, schreibt die Ratingagentur in einem mit 4. Oktober datierten ausführlichem Report. Eine Kurzversion des Berichts hatte die Agentur in der letzten Septemberwoche ausgegeben.

Potenzielle Interessenskonflikte

Die Struktur berge nicht nur eine Fülle von "governance-related risks", sondern auch potenzielle Interessenskonflikte, mit denen die Gruppe bisher nicht wirklich umgehen konnte, vor allem im Hinblick auf die Meinl Bank, wie es durchaus kritisch in dem S&P-Bericht zur MEL heißt. Deutlich wird dies in den Augen der Spezialisten der Ratingagentur auch daran, dass es bisher weder für die Emission der Partly Paid Shares noch für die Rückkäufe von MEL-Aktienzertifikaten klare, rationale Begründungen gebe.

In der fehlenden Unabhängigkeit des MEL-Boards sehen die S&P-Experten einen "weiteren Anlass zur Sorge".

MEL: "Weder rechtlich noch faktisch von Meinl Bank kontrolliert"

Die Meinl European Land (MEL) bleibt allerdings dabei unabhängig zu sein. MEL stelle "ein für allemal klar, dass sie durch die Meinl Bank nicht kontrolliert wird - weder rechtlich noch faktisch", sagte MEL-Sprecher Rupert-Heinrich Staller am Dienstag.

Die Ratingagentur Standard & Poors' sei - so Staller - der Meinung, dass durch die Managementgesellschaft Meinl European Real Restate, die eine 100-Prozent-Tochter der Meinl Bank sei, "eine operative Kontrolle im Sinne der Corporate Governance" erfolge. Dieses Problem ergebe sich bei jeder externen Managementgesellschaft, so Staller.

Abgang aus dem Management

Bei Meinl European Land und der Managementgesellschaft hat es einen Abgang aus dem Management gegeben. Wie Staller bestätigte, ist Wolfgang Lunardon jetzt Anfang Oktober aus seiner Board-Funktion ausgeschieden.

Anfang September war Lunardon in österreichischen Medien damit zitiert worden, dass er selber über die Höhe der milliardenschweren Aktienrückkäufe zeitweise "überrascht" gewesen sei.

Über die Gründe des Ausscheidens von Lunardon aus beiden Boards machte MEL-Sprecher Staller heute keine Angaben. Darüber sei Stillschweigen vereinbart worden. Zur Nachbesetzung gibt es bisher keine Entscheidung. In letzter Zeit seien in der MEL Personalverstärkungen erfolgt, die noch nicht die Ebene des Board erreicht hätten. Das werde aber ebenfalls der Fall sein. Derzeit würden die Agenden von Lunardon unter den anderen Board-Mitgliedern aufgeteilt.

Report bekannt

Zu dem von der Ratingagentur Standard & Poors verfassten Bericht über die MEL sagte Staller weiter, dass dieser Report den Investoren bekannt sei. MEL sei "ermutigt von positiver Kritik", die Kritikpunkte würden "proaktiv" mit der Ratingagentur diskutiert und Ansporn sein bei der Umsetzung der Reorgansiation. Über die Schritte der Reorganisation werde man "zeitnah" informieren, auch mit ad-hoc-Mitteilungen, so Staller.

Nichts geändert habe sich an der Position der MEL, was den Verbleib im Top-Segment der Wiener Börse betrifft. (APA)