Georgi Arbatow: Die Islamisten sind kein Feindbild von der Güte der Sowjetunion.

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Georgi Arbatow, Ex-ZK-Mitglied und hochrangiger kalter Krieger, über die Vorteile der bipolaren Welt, die Gefahren des Wettrüstens und Wladimir Putin. Christoph Prantner traf ihn im Institut für Internationale Politik (OIIP).

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STANDARD: Zuletzt war in den Debatten um den US-Raketenschild für Osteuropa wieder die Rede von Kaltem Krieg. Was denken Sie darüber?

Arbatow: Wir haben den Kalten Krieg nicht so mühevoll beendet, um gleich wieder einen neuen zu beginnen. Gibt es aber einen neuen Kalten Krieg, wird er viel schlimmer sein als der erste. Was immer man über die bipolare Welt damals denkt, politisch waren die Nuklearmächte diszipliniert. Jetzt haben wir mehr nukleare Mächte und werden möglicherweise noch einige dazubekommen. Ich bin nicht sicher, ob diese auch so diszipliniert sein werden. Wissen Sie, die Leute sind von Natur aus bequem. Um sie zu etwas zu bewegen, brauchen sie Motivation. Und die stärkste Motivation ist Angst. Ronald Reagan hat die Leute das Fürchten gelehrt - uns und natürlich auch die Amerikaner und Europäer. Das war wahrscheinlich sein Beitrag zur Beendigung des Kalten Krieges.

STANDARD: Heute leben wir wieder in Zeiten, in denen die Nuklearkriegsangst umgeht.

Arbatow: Ich bin unglücklich mit der heutigen Situation. Wir haben keinen Kalten Krieg mehr, dafür aber einen Rüstungswettlauf. Das ist noch schlimmer. Dieser Wettlauf ist ein großer Destabilisierungsfaktor, das kann böse enden.

STANDARD: Wie soll man mit dem Iran umgehen? Ist der Fall noch verhandelbar oder schon außer Kontrolle geraten? Auch wegen des schwer kalkulierbaren iranischen Präsidenten?

Arbatow: Manche Nationen haben das Gefühl, zweit- oder drittklassig zu sein, deswegen wollen sie in den nuklearen Klub. Aber schauen Sie sich zum Beispiel Nordkorea an. Ich fürchte, der Staatschef dort ist nicht ganz bei sich. Trotzdem kann man nicht sagen, dass alle in Pjöngjang vollkommen verrückt wären.

STANDARD: Sie haben gesagt, die Sowjetunion habe dem Westen etwas Schlimmes angetan: Sie habe ihm den Feind geraubt. Ist der Islamismus nun der neue Feind?

Arbatow: Ohne einen Feind zu leben, ist nicht leicht, oder? Aber der Islamismus ist nicht ein Feind von der Güte der Sowjetunion. Jede Religion hatte eine grausame Periode in ihrer Geschichte. Bloß: Man kann nicht nur von der Religion ausgehen. Viele islamische Staaten sind rückständig, es ist einfach, die Menschen dort aggressiv zu machen. Auch weil sich der Westen schlecht gegenüber manchen islamischen Ländern benimmt.

STANDARD: Sie sind ein USA-Experte. Die USA sind die einzige Supermacht und so schwach wie kaum zuvor. Warum?

Arbatow: Eine Superpower zu sein ist nicht leicht. Da muss man ein Engel sein, um die Arroganz der Macht zu vermeiden und nicht einen Fehler nach dem anderen zu machen. Ändern die USA ihre Politik nicht radikal, werden sie große Probleme bekommen.

STANDARD: Sie haben ein Buch über das "System Sowjetunion" geschrieben. Was denken Sie über das System Putin?

Arbatow: Ich sehe kein System Putin. Die Sowjetunion war kein gutes System, aber es hat funktioniert. Heute steht Putin in der Früh auf und sagt: Ab heute habt ihr einen neuen Premier. Das ist kein System. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe 11.10.2007)